Der Sport, besonders der bezahlte, wird auf der anderen Seite des Atlantiks im Fernsehen ganz groß geschrieben. Schon in Tokio erklärten die Mexikaner: „1968 veranstalten wir die Olympischen Spiele in erster Linie fürs Fernsehen. Zuschauer sind für uns sekundär. Eine bessere Reklame als gute Übertragungen gibt es für unser Land kaum.“ Kein Wunder also, wenn in künftigen Verträgen vielleicht die Klausel eingebaut ist: neben dem Sport sollen auch Land und Leute angemessen berücksichtigt werden.

Der Sport ist nicht nur für das mexikanische TV ein interessanter Programmfüller. Er kostet nicht viel, beantwortet die Frage nach den Produktionsstätten von selbst und benötigt keine hohen Studiomieten. Er ist nicht auf technische Tricks angewiesen. Er ist eben Leben genug. Darüber hinaus macht er keinen Ärger mit launischen Künstlern, die Laune seiner Stars ist dankbar aufgenommene Szenerie. Telesistema mexicano macht sich diese Tatsachen zunutze. Man kann mehr als einmal in der Woche zwischen verschiedenen Sportarten auf den einzelnen Kanälen wählen.

Während der diesjährigen internationalen Sportwoche zum Beispiel sah man bis zu zwei oder drei Wettbewerbe gleichzeitig, ja, in der Leichtathletik verbannte man die Techniker auf einen, die Läufer auf einen anderen Kanal. Man gibt meist ein Angebot heraus, das dem Zuschauer die Wahl nach vielen Seiten offenläßt und selbst den Fachmann befriedigt. Gekürzte unzureichende Berichte wie in Deutschland, fertiggestellt mit technischer Aufwendigkeit und nervlicher Belastung, kennt man nicht.

In Mexiko gilt nur: Life und volle Länge. Bei zwei großen Veranstaltungen zur gleichen Zeit kann man beide sehen, eine davon wird allerdings zusätzlich gespeichert und am nächsten Nachmittag noch einmal vorgeführt. Mexiko bietet dem sportinteressierten Fernsehzuschauer ein reichhaltiges Programm. So liefen neben der zweiten internationalen Sportwoche im Oktober noch die Weltmeisterschaft im Golf, die Weltmeisterschaft im Profiboxen zwischen Lopez und Ramirez, die Schülerspiele, ein Weltmeisterschaftslauf für Automobile, von den zahlreichen Fußballübertragungen ganz zu schweigen.

Sorgen um zugkräftige Sendungen hat man nicht. Fußball ist auch hier Trumpf, und es vergeht kaum ein Wochenende, an dem nicht zwei bis drei Spiele übertragen werden. Das Fernsehen diktiert zum Teil die Anstoßzeiten. Es besitzt nämlich unter anderem die größte und modernste Fußball-Arena der Welt: das Azteken-Stadion. Zur Zeit überdacht man es gerade für 100 000 Zuschauer. Da zu einem Stadion Mannschaften gehören, besitzt das Fernsehen drei erstklassige Profi-Vereine, die alle in der oberen Hälfte mitmischen. Man stelle sich vor, das ZDF oder die ARD würden etwa Eintracht Frankfurt, Eintracht Braunschweig oder Bayern München als Eigentum haben.

Diese Mannschaften spielen, wie es ins Programm paßt. Sie kosten dem TV keine Lizenzgebühren, im Gegenteil, sie bringen noch Geld mit, zumal Fußball auf Jahre hinaus vermietet ist an große Getränkefirmen. Daneben kassiert das TV die Zuschauereinnahmen. 40 000 Besucher waren keine Seltenheit. Und das trotz der direkten Fernsehübertragung – und trotz ganzseitiger Zeitungsinserate: „Versäumen Sie nicht auf Kanal eins um 14 Uhr Necaxa gegen Leon.“

Ist man in Deutschland zu zum Teil lächerlicher Verschwiegenheit gezwungen, posaunt man in Mexiko die Übertragung auflagenstark heraus. Am liebsten sähe man überhaupt keine Zuschauer im Stadion. Alle sollen nämlich vor dem Fernsehschirm sitzen. Warum? Nun, um alle fünf Minuten zu hören: „Carta-Blanca-Biere sind die besten!“ In der Halbzeit erlebt man Interviews in einem eigenen Reklamestudio des Stadions, in denen Journalisten und Fachleute angeregte Diskussionen führen, wobei sie nicht vergessen, kräftig dem Bier zuzusprechen.