Wenn einer von sich selbst sagen kann: „Die Gerüchte, daß ich Millionenbeträge veruntreut haben soll, entbehren jeder Grundlage“ und wenn ihm dann trotzdem ein hohes Gericht eine Kaution von 2,5 Millionen Mark auferlegt, bevor es sich entschließt, ihn aus der Haft zu entlassen – dann kann man jedenfalls sagen, daß es sich nicht um Bagatellen handelt.

Kommt dazu noch ein großer Firmenname, eine langjährige Freundschaft, die plötzlich zerbrach, eine dramatische Flucht ins Ausland und ein Schuß „süßes Leben“, so hat man es gewiß mit einer Affäre von ungewöhnlicher Pikanterie zu tun.

Drei Jahrzehnte lang war Josef Schäfer ein enger Freund, Geschäftsberater und Stabschef des Großindustriellen Max Grundig. Im letzten Jahrzehnt war er Generaldirektor des weltumspannenden Grundig-Konzerns, der in Europa als Hersteller von Rundfunk- und Fernsehgeräten an erster Stelle steht, daneben aber auch auf dem Gebiet Büromaschinen (Triumph- und Adlerwerke) eine bedeutende Stellung einnimmt.

Heute ist der 57jährige Schäfer ein gebrochener Mann, von seinem ehemaligen Freund und Chef in Acht und Bann getan. In einer am 22. Januar 1966 herausgegebenen Presseverlautbarung hat Konzernherr Grundig seinen Standpunkt mit rücksichtsloser Schärfe zum Ausdruck gebracht. Josef Schäfer, so hieß es in dieser Erklärung, habe seine langjährige Vertrauensstellung im Hause Grundig zu „sorgfältig geplanten und fachtechnisch mit Raffinesse verdeckten persönlichen Bereicherungen großen Umfanges“ mißbraucht. Grundig behauptet, es handele sich um eine veruntreute Summe in Höhe von 2,6 Millionen Mark.

Verfolgen wir kurz den Lebensweg der beiden Streiter. Max Grundig und Josef Schäfer lernten sich schon vor dem letzten Weltkrieg kennen. Damals war Grundig noch Einzelhändler der Radiobranche, Schäfer ein Steuerberater und Wirtschaftskonsulent. Schon als 21jähriger hatte der Diplomkaufmann Schäfer 1930 in Nürnberg ein Steuerberatungsbüro eröffnet. Er war ein tüchtiger junger Mann, dem bald eine ansehnliche Kundschaft zuströmte, darunter der aufstrebende Radiohändler Grundig, den er 1935 kennenlernte.

Nach dem Krieg ließ sich Grundig, der sich inzwischen der Fabrikation von Radiogeräten zugewandt hatte, von Schäfer beim Aufbau seiner Firma, der Grundig-Werke GmbH, Nürnberg-Fürth, sowie schließlich bei der Organisation seines vielschichtigen Konzerns beraten. Daß Schäfer sich auch dabei wieder als ein sehr tüchtiger Fachmann erwies, und überhaupt, daß er dem Hause Grundig große Dienste erwiesen hat, wird von keiner Seite bestritten.

Über seine Hauptaufgabe bei der Konzerngestaltung hat sich Schäfer selbst recht offenherzig so ausgedrückt: „Grundig hatte von bilanz- und steuertechnischen Dingen zunächst keine Ahnung, aber er begriff sehr schnell. Ich habe seine Firma nach drei Kategorien geordnet: Besitzfirmen, Betriebsfirmen und Vertriebsfirmen, die unabhängig voneinander bilanzieren. Durch diese Teilung ließ sich ein Höchstmaß an Steuern sparen.“