Berlin am 28. November 1966

Lieber Willy Brandt!

Meine Warnung habe ich ausgesprochen; Sie haben diese Warnung bestätigt. Uns allen, die wir außerhalb stehen, fehlt es an Macht, die sich anbahnende und, wie ich meine, unglückliche Entwicklung zu verhindern. Wir können Telegramme aufsetzen, Briefe schreiben. Wir können Worte machen; Sie aber haben es immer noch in der Hand, diese Liaison, die sehr bald herabschätzend „die große Kumpanei“ genannt werden wird, zu trennen, bevor sie sich paart.

Wenn es aber wahr ist, daß die Große Koalition nicht zu verhindern ist, sollten Sie wenigstens eine Große Koalition fordern, die den Mehrheitsverhältnissen im Bundestag entspricht. Drei Parteien sollen diese Koalition bilden: Die CSU ist die kleinste Partei. Sie hat den Kanzlerkandidaten nominiert und seine Wahl durchgesetzt. Die CDU ist in sich zerstritten und also in ihrer politischen Arbeitsfähigkeit mehrmals gebrochen. Die SPD ist die größte Partei. Sie ist in sich gefestigt und in der Lage, ihr alternatives Programm zu verwirklichen. Also hat sie die Aufgabe, den Bundeskanzler zu stellen. Wenn es den beiden anderen Parteien wirklich ernst ist, wenn sie mitarbeiten wollen, sobald es gilt, die durch die CDU und die CSU verursachte Misere zu beenden, dann müssen sie die parlamentarischen und politischen Gegebenheiten anerkennen und begreifen lernen, daß nur ein SPD-Kanzler die Richtlinien der Politik neu bestimmen kann.

Dieses sollte klar ausgesprochen, werden: Der ehemalige Verteidigungsminister Franz Josef Strauß kann nie wieder Minister werden. Wer das Parlament belügt, wer, wie Strauß, während der Kuba-Krise im Zustand der Volltrunkenheit seine Aufgabe als Verteidigungsminister wahrzunehmen versucht, der darf in unserem Land als Minister keine politische Verantwortung mehr tragen.

Es mag sein, daß die Hektik der Verhandlungen den Überblick trübt. Die allgemeine Übermüdung fördert hastige Entschlüsse. Ich schreibe Ihnen ausgeruht und bei aller Anspannung gelassen: Überspannen Sie nicht den Bogen des Zumutbaren. Es könnte die SPD daran zerbrechen. Es könnte unserem Land unheilbarer Schaden zugefügt werden.

Ich danke Ihnen für Ihre Antwort und für die Möglichkeit, Vertrauen gegen Vertrauen setzen zu können. Wir hier wünschen Ihnen Kraft, Mut und Gelassenheit, damit die Vernunft unserem Land erhalten bleibe.