Freundliche Grüße

Ihr Günter Grass

30. November 1966

Sehr geehrter Herr Kiesinger,

bevor Sie morgen zum Bundeskanzler gewählt werden, will ich in aller Öffentlichkeit den letzten Versuch unternehmen, Sie zur Einsicht zu bewegen.

Ich gehöre einer Generation an, deren Väter in der Mehrzahl die ab 1933 verübten Verbrechen wissend oder unwissend unterstützt haben. Ich weiß, daß in vielen deutschen Familien dieser Bruch geheilt werden konnte: Das Eingeständnis der Väter begegnete dem Verstehenwollen der Söhne. Sie, Herr Kiesinger, sind 1933 als erwachsener Mann in die NSDAP eingetreten, erst die Kapitulation vermochte Sie von Ihrer Mitgliedschaft zu entbinden.

Erlauben Sie mir die folgende Fiktion: Wenn Sie mein Vater wären, würde ich Sie bitten, mir Ihren folgenreichen Entschluß aus dem Jahre 1933 zu erklären. Ich wäre in der Lage, ihn zu verstehen, denn die Mehrzahl aller Väter meiner Generation verlor ihre besten Jahre im Zeichen solcher Fehlentscheidungen. Wenn aber Sie, der fiktive Vater, mich, den fiktiven Sohn, fragten: „Ich soll Bundeskanzler werden. Politik interessiert mich leidenschaftlich. Ich habe immer schon außenpolitische Ambitionen gehabt. In meinem Land Baden-Württemberg war ich erfolgreich. Die Leute mögen mich. Soll ich ja sagen?“, dann hieße die Antwort des fiktiven Sohnes: „Gerade weil dich Politik leidenschaftlich interessiert, weil du außenpolitische Ambitionen hast, mußt du nein sagen. Denn eigentlich müßtest du wissen, daß in diesem Land mit seiner immer noch nicht abgetragenen Hypothek, in diesem geteilten Land ohne Friedensvertrag das Amt des Bundeskanzlers niemals von einem Mann wahrgenommen werden darf, der schon einmal wider alle Vernunft handelte und dem Verbrechen diente, während andere daran zugrunde gingen, weil sie der Vernunft folgten und dem Verbrechen Widerstand boten. Dein Anstand sollte dir verbieten, dich nachträglich zum Widerstandskämpfer zu ernennen.“