Auch Italien ist, mit einiger Verspätung gegenüber seinen Nachbarländern, von der Jugendstil-Welle ergriffen. Man untersucht dessen italienische Variante, den sogenannten Stile Floreale, der seinen Namen den Rosensträußen und sonstigen gebündelten Blumen verdankt; die um die Jahrhundertwende als plastisches Ornament gediehen und sich in den blühenden Mädchenfiguren der römischen Belle Epoque fortsetzten und in die Niederungen des Kunstgewerbes hinabstiegen, wo sie Aschenbecher und die Kühlerhauben der ersten Autos und Espresso-Maschinen verzierten. Auch die architektonischen Spuren des Floreale etwa im Stadtbild von Rom, Mailand und Neapel werden beschreibend und denkmalpflegerisch gesichert. Andererseits wird das gesamteuropäische Stilphänomen des Art Nouveau mit einer Frische und einem Temperament diskutiert, wie sie deutsche Autoren für das überstrapazierte Thema schon nicht mehr aufbringen.

Sowohl die speziellen Probleme des Floreale wie die übergreifenden Aspekte des Art Nouveau behandelt der Italiener Italo Cremona, der Leiter des Staatlichen Kunstinstitutes in Turin, in seinem Buch „Il tempo dell Art Nouveau“, das in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Die Zeit des Jugendstils“ als Band 49 der Reihe „Das moderne Sachbuch“ erschienen ist (Verlag Langen Müller, München/Wien; 215 S. Text und 195 Abb., 19,80 DM).

Cremona beschränkt seine Untersuchungen nicht auf die Sphäre der hohen Kunst: „Ein Haus, ein Herd, ein Schirmknauf, ein Schuh und ein Revolver“ lassen in der Analogie der Formen den gemeinsamen Stilentwurf erkennen. Häufig werden literarische Texte herangezogen; „Die schwarze Romantik“ von Mario Praz wird ausdrücklich als eine der Quellen genannt, die den Autor zur Beschäftigung mit dem Art Nouveau inspiriert haben. Im Bilderteil findet man neben Moreau, Munch und Klimt viele unbekannte Beispiele für den Floreale, aber auch so brillante Jugendstilkarikaturen wie das abgebildete Blatt aus dem Simplicissimus. G. S.