Köln

Eher erstaunt als fuchtig oder gar belustigt entdeckte das Lehrerkollegium des Kölner Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums am letzten Montag, daß Studienräte auch auf ihre modernen Tage noch Scherzen aus der „Feuerzangenbowle“ ausgesetzt sind. Ihre Schüler kann es indessen nicht minder verdutzt haben, daß sich Lehrer immer noch nach den gleichen alten Vorbildern auf den Arm nehmen lassen – fast jedenfalls: Beinahe hätten die Gymnasiasten am Dienstag schulfrei gehabt.

Die Tat war ebenso einfach wie raffiniert eingefädelt, der alte Trick aus Spoerls Schulkomödie – die Bekanntmachung am Schultor: „Wegen Bauarbeiten geschlossen“ – war den heutigen Verhältnissen entsprechend abgeändert und modernisiert worden: Zu Beginn der fünften Stunde fand ein Klassenlehrer auf seinem Katheder ein Rundschreiben des Direktors vor, das in der Pause dort niedergelegt worden war – kein ungewöhnlicher Vorgang.

Der Lehrer las: „Wegen eines Sterbefalles muß morgen der Unterricht ausfallen. Die Kollegen werden gebeten, nach der Stunde ins Konferenzzimmer zu kommen.“ Gezeichnet war das Schreiben mit den Anfangsbuchstaben des Namens von Oberstudiendirektor Dr. Ludwig Krumme. Darunter folgte die Aufstellung der Klassen: Der Lehrer hakte ab und gab das Schreiben an den Kollegen im nächsten Klassenzimmer weiter. Auch der hakte ab und gab es an den dritten. Alle hakten ab und dachten sich nichts weiter. Rundschreiben zur Kenntnis zu nehmen, das gehört schließlich zur täglichen Routine. Dazu betraf das Schreiben einen Trauerfall – da liegt Pietät nahe und versagte auch den Schülern, sich laut über das „Schulfrei“ zu freuen. Manche der Ordinarien vermuteten, einer der früheren Schuldirektoren sei plötzlich verstorben. Erst hinterher ging ihnen auf, daß eine gewisse Eile in der ganzen Angelegenheit ihren Verdacht hätte erregen müssen: „Heute gestorben, morgen begraben – das geht doch eigentlich nicht“, meinte einer von ihnen.

Der Umlauf ging seinen vorgeschriebenen Weg. Als die Sekretärin im Schulbüro feststellte, daß noch nicht alle Klassen abgezeichnet hatten, schickte sie ihn sogar noch einmal zurück. Erst als die Liste zum zweitenmal im Sekretariat einging, sah sie dort zufällig der Direktor. Er las sein Schreiben und rannte zum Ausgang. Denn inzwischen hatte die Schulglocke schon zum Ende der fünften Stunde geschellt. Die sechste Stunde fiel an diesem Tag aus. Der Direktor stellte sich den Schülern entgegen und versuchte ihnen beizubringen, daß der Trauerfall eine Fehlmeldung gewesen sei: Kein schulfrei. Jene Klassen, die ihre Zimmer in der Nähe des Schultores hatten, waren allerdings längst draußen.

Hinterher überlegte das Schulkollegium: Was sie so sehr verblüffte, war die Methode. Die Bekanntmachung war auf einen jener leicht vergilbten Makulaturbogen geschrieben, die von früheren vervielfältigten Mitteilungen übriggeblieben waren und deren Rückseite von der Schulsekretärin für hausinterne Bekanntgaben benutzt wird. Es mußte also jemand sein, so wurde haarscharf geschlossen, der sich sehr gut auskennt. Die Ordinarien vermuten inzwischen den Racheakt eines früheren Schülers, der am Ende doch erfolglos blieb: Am Nachmittag verständigte der Direktor die Klassensprecher. Am nächsten Morgen waren die siebenhundert Schüler des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums versammelt – fast: Von den fünfzehn Schülern der Unterprima C kamen nur zwei. Nina Grunenberg