• „Konstruktive Malerei“ (Frankfurt, Kunstverein): Auf die „Musische Geometrie“ in Hannover, die zur Klärung der aktuellen konstruktiven Kunst wenig beitrug, weil mit Hilfe des „Musischen“ die heterogensten Objekte unter den Begriff der Geometrie subsumiert wurden, folgt jetzt im Frankfurter Kunstverein (bis zum 8. Januar 1967) eine klar konzipierte Darbietung der konstruktiven Malerei in ihrer ersten „klassischen“ Phase von 1915 bis 1930. Ewald Rathke hat das Material in drei Gruppen gegliedert, den östlichen speziell russischen Konstruktivismus, den holländischen „stijl“ und, als geographische und stilistische Mitte zwischen den extremen Positionen, eine kleine deutsche Werkgruppe.

Malewitsch wird mit 17 Bildern (aus dem Stedelijk Museum Amsterdam) als die Hauptfigur der Ostgruppe dokumentiert, seine frühen Bilder, von der „Ernte“ 1911 bis zur kollagierten „Dame vor Litfaßsäule“ von 1914, demonstrieren, daß seine Wendung zum Suprematismus die russisch radikale Antwort auf den Pariser Kubismus darstellt. Nach einer kurzen glücklichen frühsuprematistischen Phase („Blaues Rechteck über purpurfarbenem Balken“) gerät er mit den „Weißen Kreuzen auf Grau“ in das ausweglose Dilemma, daß er dem Bild die Funktion eines Meditationsobjektes zumutet, die sich mit dem ursprünglichen Elan der konstruktiven Erfindung nicht verträgt. Lissitzkys „Proun“-Bilder beweisen mit intellektueller Schärfe und einer ausschließlich mit Zirkel und Reißbrett hantierenden Phantasie ihren beherrschenden Rang innerhalb der konstruktiven Malerei der zwanziger Jahre.

Bei der „stijl“-Gruppe ist Mondrian mit 15 Bildern vertreten. Die knappe und vorzügliche Auswahl erscheint mir wesentlich eindrucksvoller als die viel zu große Retrospektive, die im vergangenen Sommer im Haag zu sehen war – offen bleibt die Frage, ob Mondrians Rolle innerhalb der konstruktiven Malerei nicht doch überbewertet wird. Neben Mondrian repräsentieren van Doesburg, Domela, van der Leck und der Deutsche Vordemberge-Gildewart die „stijl“-Bewegung.

Die deutsche Gruppe wäre mit Dexel, der immer um eine Spur, eine Nuance zu grell und aufwendig arbeitet, und mit Buchheister unverhältnismäßig schwach besetzt, wenn man nicht die großartigen frühen Baumeister-Bilder dazugenommen hätte. Eine angemessene und breitere Dokumentation der frühen deutschen Konstruktiven wäre eine eigene Ausstellung wert.

Sehr deutlich wird durch die Frankfurter Ausstellung der Unterschied zwischen dem klassischen und dem heutigen Konstruktivismus. Unhaltbar erscheint danach die These, es handle sich heute um einen schwachen Aufguß der von den Initiatoren entwickelten Prinzipien. Das weltanschauliche Moment der Pioniere, vor allem in der „stijl“-Bewegung, der Glaube, es könne durch den rechten Winkel die Welt oder zumindest der menschliche Geist ins rechte Lot kommen, ist von den heutigen Konstruktivisten einschließlich Vasarely zugunsten einer nüchternen, der Geometrie durchaus angemessenen Ingenieurskunst aufgegeben worden, die sich vom missionarischen Pathos der Weltverbesserung ebenso distanziert wie von der Mystik des Suprematismus.

  • „Henri Michaux“ (Köln, Galerie Zwirner): Für Michaux, dessen Gesammelte Werke eben bei S. Fischer zu erscheinen beginnen, fängt das Malen an, „wo die Sprache der Dichtung endet... Jede Kunst hat ihre eigene Versuchung – man findet die Welt durch ein anderes Fenster wieder“. Der Zeichner Michaux steht in dem Ruf, unter dem Einfluß von Meskalin zu arbeiten. In der Kölner Ausstellung bilden die Meskalin-Blätter nur eine kleine Gruppe experimentellen Charakters. Die enthemmende Wirkung der Droge mag vielleicht die literarische Produktion positiv beeinflussen, für den Zeichner hat sie entschieden negative Konsequenzen: Sie macht die Hand zittrig, der Strich wird zerfahren. In den meisten Blättern dagegen werden die im Rauschzustand gewonnenen Erfahrungen als bewußt kalkuliertes Moment verwendet, mit erstaunlichen künstlerischen Resultaten. In den großen Tuschzeichnungen werden Bewegungsabläufe, dramatische Szenen kalligraphisch präzisiert, die Frottagen erscheinen allerdings als eine unfreiwillige Huldigung an Max Ernst. Man sollte endlich aufhören, Michaux als Psychopathen zu interpretieren. Die Ausstellung geht bis Anfang Januar 67.

Gottfried Sello