Von Wolfgang Krüger

Die deutschen Gewerkschaften stehen vor schwerwiegenden Entscheidungen. Nachdem sie bereits vor vierzehn Tagen von der Bundesbank beschworen worden sind, bei ihren Lohnforderungen äußerste Zurückhaltung walten zu lassen – weil nur bei einer merklichen Verringerung der Lohnzuwachsraten eine Lockerung der Kreditbremsen zu verantworten sei –, sehen sie sich nun auch von dem von ihnen hochgeschätzten Sachverständigenrat mit einer „Lohnleitlinie“ konfrontiert, die ihnen ein hohes Maß von Bescheidung und Rücksichtnahme auf die schwierige wirtschaftliche Situation abfordert. Nach den Vorausrechnungen des in der vergangenen Woche veröffentlichten dritten Jahresgutachtens zur wirtschaftlichen Entwicklung dürfen die Löhne im Durchschnitt um nicht mehr als vier Prozent heraufgesetzt werden, wenn im nächsten Jahr ein ausreichendes wirtschaftliches Wachstum sichergestellt werden soll, ohne daß die Preise wieder in den Aufgalopp geraten.

Es ist gewiß nicht wenig, was mit dieser Lohnleitlinie von vier Prozent von den Gewerkschaften verlangt wird. Bei Einhaltung dieser Lohnleitlinie würde der Preisauftrieb zwar weiter abgeschwächt werden, aber eben doch auch nicht zum Stillstand kommen; und da dabei auch zu berücksichtigen wäre, daß die Arbeitnehmer mit jedem Prozent Lohnerhöhung härter in die Zange der Steuerprogression genommen werden, würde die Anerkennung dieser Lohnleitlinie durch die Gewerkschaften fast dazu führen, daß die Nettolöhne eingefroren werden. Auf der anderen Seite stehen die Gewerkschaften vor der Tatsache, daß auch die Alternativen zu dieser Lohnleitlinie für sie und die Arbeitnehmer, deren Interessen sie zu vertreten haben, nicht besser aussehen.

Der Sachverständigenrat hat in seinem Jahresgutachten drei Alternativprojektionen für das Jahr 1967 entwickelt; und für eine von ihnen werden sich nun auch die Gewerkschaften entscheiden müssen.

In der Projektion I wird unterstellt, daß Bundesregierung und Bundesbank ihre Politik der Nachfragedämpfung weiter fortsetzen, mit dem Ziel, in der zweiten Hälfte des nächsten Jahres den Preisauftrieb auf 1,5 Prozent zu begrenzen. Die Produktivität je Erwerbstätigenstunde würde dann ein Plus von 4,5 Prozent aufweisen, das Bruttosozialprodukt würde um 2 Prozent und das Bruttoeinkommen aus unselbständiger Arbeit um 3 Prozent steigen, während sich die Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen um 2 Prozent verringern würden. Der harte Kern dieser Politik besteht darin, daß wir ab Herbst nächsten Jahres mit größeren Arbeitslosenzahlen zu rechnen hätten.

In der Projektion II wird davon ausgegangen, daß Bundesregierung und Bundesbank mit Beginn nächsten Jahres auf Wachstum umschalten. Erreichbar wäre nach dieser Rechnung in der zweiten Jahreshälfte 1967 eine Steigerung des Bruttosozialprodukts um 4,5 Prozent. Die Produktivität würde um 5 Prozent, die Arbeitgeber- und die Arbeitnehmereinkommen würden um je 7 Prozent zunehmen. Der Negativposten dieser Rechnung wäre die Tolerierung eines Geldwertschwundes von 3 Prozent, der sich im Laufe des Jahres 1968 in einer steilen Kurve nach oben fortsetzen würde.

In der Projektion III wird angenommen, daß sich Bundesregierung und Bundesbank zu einer Politik entschließen, die ein möglichst großes wirtschaftliches Wachstum mit einem Minimum an Preissteigerung kombiniert. Voraussetzung für den Erfolg dieser Politik wäre, daß die Bundesregierung vor inflatorischen Einflüssen von draußen abgeschirmt wird und die Sozialpartner sich bei ihren Tarifabschlüssen an einer Leitlinie von 4 Prozent orientieren.