Die Mode im überkommenen Sinne hat weitgehend zu bestehen aufgehört“, erklärte das Vorstandsmitglied der Vereinigte Seidenwebereien AG (Verseidag), Krefeld, Dr. L. Pohl. Was er mit diesem für den Laien nicht ganz verständlichen Satz meinte, wurde deutlicher, als er von dem neuen Schlagwort der „gleitenden Musterung“ sprach.

Diese neuartige Einrichtung sei nicht als Allheilmittel für die in Bedrängnis geratene Textilwirtschaft zu betrachten. Es wäre auch unangebracht, darunter verstehen zu wollen, daß etwa alle 14 Tage eine neue Kollektion auf den Markt käme. Aber die Textilwirtschaft leidet in diesem Jahre eindeutig unter Auftragsmangel. Schließlich waren die Auftragseingänge im September um fast 16 Prozent geringer als vor Jahresfrist. Daher kamen die Textilindustriellen auf den Gedanken, das Modekarrussell anzukurbeln. Dreht es sich schneller, so lautet die Logik in der Textilwirtschaft, so steigen die Umsätze. Ob sie es wirklich tun?

Auf jeden Fall, darüber sind sich die Produzenten in diesem Bereich weitgehend einig, sollten die Kollektionstermine wenigstens verdoppelt werden. Nicht nur zweimal im Jahr will die Textilwirtschaft eine neue Kollektion vorlegen, sondern zumindest viermal.

Mit dem zusammenwachsenden Großmarkt Europa kommt die Forderung des Handels nach Abwechslung und ständigen Neuheiten, argumentierte Pohl. Eine Vollbeschäftigung sei schließlich auch zu erreichen durch vier Saisonabschnitte von je drei Monaten an Stelle von zweimal sechs Monaten.

Nur gibt es auch kritische Stimmen, die dagegenhalten, daß bei einer Beschleunigung des Modekarrussells die Qualität zwangsläufig leiden müsse. Der häufige Kleiderwechsel, so folgern die Kritiker, heiße für jedes einzelne Kleid weniger ausgeben, also geringere Qualität. Den Ausweg sehen die Optimisten in einem „Generalangebot für die Bekleidung“. Die gesamte Konfektion mit sämtlichem Zubehör vom Hut über den Schal und den Mantel zum Schirm und der Tasche bis zu den Handschuhen, Strümpfen und Schuhen sollen aufeinander abgestimmt werden. „Die erforderliche Zusammenarbeit ist bisher nicht vorhanden“, stellte Pohl fest, obgleich doch mit dem „Deutschen Modeinstitut“ schon der Ort gegeben sei, wo diese Kooperation verwirklicht werden könnte. Die Frage erhebt sich nur, ob der Verbraucher nicht von dem rasant sich drehenden Modekarussell eines Tages abspringt. Und ob er überhaupt, auch wenn der Modewechsel noch so häufig eintritt, deswegen eine Mark mehr für seine Kleidung ausgibt? bo