Wenn auf Kongressen und Symposien Naturwissenschaftler und Theologen, die Physiker und die Historiker sich verschiedener Sprachen bedienen, wenn das Miteinander zum Gegeneinander wird und Monologe in zwiefachen Zungen die Runde beherrschen, dann schlägt die große Stunde Robert Jungks, dann zeigt dieser wahrhaft gebildete Laie und doppelt bewanderte komme de lettres den zerstrittenen Spezialisten das tertium comparationis, weist den Philologen die Aufgabe zu, für die Operationen der Naturwissenschaftler Sprachhilfen zu ersinnen, und zeigt die Schizophrenie jener Biochemiker auf, die am Tage in wertfreien Gefilden forschen und sich abends um so entschiedener an humanistischen Bildungsidealen ergötzen, die längst aufgehört haben, verbindlich zu sein.

So betrachtet, ist Robert Jungk einer der wenigen Menschen, die den Skeptikern vorexerzieren, auf welche Weise man die zwei Kulturen mühelos in eine einzige verwandeln kann. Nicht den Apparaten, sondern den Menschen, die diese Apparate bedienen; nicht der Frage, wie die Computer konstruiert sind, sondern dem Problem, inwieweit Elektronengehirne das Denken von uns allen verändern: den durch die Technik geprägten Gesellschaftsmustern und jenem Bewußtsein des Menschen, das, immer noch ptolemäisch bestimmt, mit dem Wissen nicht Schritt gehalten hat, gilt Jungks Augenmerk.

Sein neues Buch, vordergründig der Roman einer Maschine, hintergründig ein bewegender Essay über die Situation der Maschinenbediener und Maschinenbenutzer, zeigt es deutlich –

Robert Jungk: „Die große Maschine“; Scherz Verlag, Bern/München/Wien; 271 Seiten, 19,80 DM.

Die große Maschine ist das Protonen-Synchroton des CERN (Conseil European pour la Recherche Nucleaire) in Meyrin bei Genf, ein Werk, das, wie Jungk berichtet, von einigen Wissenschaftlern und Technikern als ein Gegenstück zu antiken Tempeln und mittelalterlichen Kathedralen (fügen wir an: zu römischen Straßen und Aquädukten) aufgefaßt wird, das Herz einer riesenhaften, im Zeichen der Hochenergiephysik arbeitenden Fabrik. Ein Bauwerk, das wissenschaftlich gesehen bedeutsamer als ein atomares Rüstungszentrum ist, ein Monstrum schließlich, dessen Geheimnisse dem Leser – das ist der kompositorische Reiz dieses Buches – sich deshalb so freundlich entschlüsseln, weil er, der Laie, in Jungk einen Ciceronen hat, der ihn sehr behutsam von der Peripherie bis zum Zentrum geleitet.

Auch der Autor selbst ist am Anfang, bei seiner Ankunft in der Gartenlandschaft Rousseaus, noch ahnungslos: ein Staunender, der langsam belehrt wird und den Leser diesem Unterweisungsprozeß zuschauen läßt. Statt einem Allwissenden folgt man also einem Führer, der seine Geschichte gleichsam mit den Worten beginnt: „Auch ich, Freunde, bin einmal Novize gewesen“ – und auf diese Weise den Betrachter der großen Maschine zum Gleichgestellten, zum Partizipanten einer Entdeckungsreise voller Abenteuer macht.

Am Anfang scheint es, als poche ein Landvermesser noch einmal an die Pforten des Schlosses; das freundliche Land zwischen Genf und der Jura-Kette hat sich in eine Wüste aus Schlamm, Beton und Teer verwandelt, neben Lehmfeldern dehnen sich Wohnwaben aus. „Irgendwo oben in der achten Etage ein einsames Kinderrad, oder in der elften ein gefalteter Sonnenschirm oder ein zum Putzen hinausgehängter Mantel. Dazwischen rostbraun garnierte Abfallhaufen, Neonreklamen eines Supermarktes, dünne Lichtmasten ...“ Und dann, zwischen dem Dorf und dem Schloß, die Verwandlung: Kein Pförtner verlangt den Ausweis am Tor, eine Welt, in der jedermann willkommen zu sein scheint, eine Phäakenwelt tut sich auf; ein Unbekannter spielt eine Mozart-Sonate; auf dem Grund eines achteckigen Wasserbeckens im Innenhof leuchtet ein geometrisches Muster.