Berlin

Schneekristalle zergingen auf der Windschutzscheibe. Warmer Wind aus elektrischem Gebläse streichelte die Beine. Tückische Ampeln sprangen auf rot. Der Fahrer fluchte für den Fahrgast. Es gibt Augenblicke, da fühlt man sich nirgends wohler und geborgener als in den eingesessenen Polstern einer Berliner Kraftdroschke.

Es hatte schon etwas Wundersames, daß mich ein Chauffeur am Morgen des vergangenen Freitags zum Flughafen Tempelhof transportierte. Zur gleichen Stunde sollten nämlich die Berliner Taxifahrer geschlossen einem erschlagenen Kollegen das letzte Geleit fahren und nach der Todesstrafe verlangen.

Ich setzte voller Dankbarkeit eine bedrückte Miene auf, obgleich sie schlecht zur Beatmusik des Autoradios und dem geschäftigen Gequassel aus dem Funksprechgerät passen wollte. Und ich wunderte mich durch beschlagene Scheiben über die vielen Mietfahrer, die, wie mein braver Mann, den Dienst am Kunden über Schmerz und Zorn stellten. Ich begann vorsichtig, ihr Lied zu singen, deutete an, aus welcher Zeitnot mich diese Pflichttreue gerettet hätte.

Der schnurrbärtige Chauffeur wehrte bescheiden ab. Nicht doch. Nun ja, das sei zwar seine ganz persönliche Meinung, aber... Ich wüßte doch den Namen des Ermordeten?

Ich dachte angestrengt nach und mußte doch verschämt verneinen.

Er vertiefte sich für eine quälende Pause ganz in den Straßenverkehr, dann ließ er Silbe für Silbe genüßlich-angeekelt auf der Zunge zergehen: Al-fons Ro-sen-thal. Als hätte er sich bei einer Dummheit ertappt, schwächte er ab: Das sei seine persönliche Meinung, natürlich.