In der Zeit vom 27. Januar bis zum 13. Februar 1967 wird an den deutschen Wertpapierbörsen das Bezugsrecht auf die Wandelanleihe der Farbwerke Hoechst AG gehandelt werden. Einer außerordentlichen Hauptversammlung am 18. Januar 1967 wird vorgeschlagen werden, dafür ein genehmigtes Kapital zu schaffen. Die Emission verspricht interessant zu werden, weil sie „marktgerecht“ ist. Schon heute gilt in Bankkreisen die Hoechster Wandelanleihe so gut wie placiert. Es wird sogar damit gerechnet, daß die Nachfrage größer sein wird als das Angebot, so daß das Bezugsrecht nicht „verschenkt“ werden dürfte. Natürlich ist es heute schwer, über Vor- und Nachteile dieser Emission zu sprechen, denn schließlich liegen bis zu ihrer Notierung noch einige Wochen vor uns, die möglicherweise die deutsche Börsensituation grundlegend ändern können.

Da Wandelanleihen auf dem deutschen Wertpapiermarkt immer noch recht selten und dem breiten Publikum wenig vertraut sind, lassen Sie mich schnell wiederholen, was es mit diesen Emissionen auf sich hat. Wandelanleihen sind Zwitterpapiere, halb Aktie, halb festverzinslicher Wert. Besitzer von Wandelanleihen haben Anspruch auf eine feste Verzinsung. Sie muß auch dann gezahlt werden, wenn das Unternehmen einmal ohne ausschüttungsfähigen Gewinn bleiben sollte. Insofern unterschieden sich Wandelanleihen nicht von normalen Anleihen. Aber Wandelanleihen beinhalten das Recht, zu vorher festgelegten Bedingungen in Aktien der gleichen Gesellschaft umgetauscht werden zu können. Sie sind also „substanzgesichert“ und unterliegen nicht den gleichen Einflüssen wie die Rentenwerte, die lediglich in bar getilgt werden. In einem früheren Gespräch sagte ich Ihnen bereits, meine verehrten Leser, daß der Wandelobligationär ein „Beinaheaktionär“ ist, dem aber eine gewisse Kurs- und Renditesicherung garantiert wird.

Wie sieht es nun bei der Wandelanleihe der Farbwerke Hoechst aus? Ihr Zinssatz beträgt 6 1/2 Prozent. Darauf hat der Besitzer der Papiere Anspruch, bis er von der Möglichkeit Gebrauch macht, seine Wandelanleihen in Aktien umzutauschen. Er hat hier zehn Jahre Zeit, sich das zu überlegen, wenn nicht das Unternehmen von der Möglichkeit der vorzeitigen Rückzahlung nach fünf Jahren nach den Anleihebedingungen Gebrauch macht. Nun könnte man einwenden, daß ein Zinssatz von 6 1/2 Prozent nicht marktgerecht ist, schließlich kann man bei richtiger Auswahl heute noch festverzinsliche Papiere erwerben, die eine Rendite von knapp 8 1/2 Prozent eintragen. Wer so denkt, übersieht, daß bei einer Wandelanleihe mehr geboten wird als nur die laufende Verzinsung, nämlich die Chance steigender Kurse. Klettern nämlich die Hoechster Aktien, folgen die Kurse der Wandelanleihe entsprechend mit. Die Konditionen der Wandelanleihe lassen die Ansicht der Verwaltung erkennen, daß sie mit einem Anstieg des Hoechster Aktienkurses im Laufe der kommenden Jahre rechnet. Aber davon später.

Sehen wir uns jetzt erst einmal die Wandelanleihe aus der Sicht des Hoechster Aktionärs an. Auf sieben Aktien zum Nennwert von 50 Mark kann er zwei Wandelanleihen zum Nennwert von je 50 Mark beziehen. Kostenpunkt zusammen 100 Mark. Schon nach einem Jahr kann der Aktionär jeweils drei Wandelobligationen (zu je 50 Mark) in eine Hoechster Aktie gegen Zuzahlung von 25 Mark umtauschen. Praktisch machen die Farbwerke Hoechst also eine Kapitalerhöhung zum Ausgabekurs von 350 Prozent oder von 175 Mark je Aktie zum Nennwert von 50 Mark, die an der Börse zum Wochenbeginn 209 Mark kostete. So „ungünstig“ für die Käufer kann wohl keine Gesellschaft gegenwärtig junge Aktien verkaufen. Das Volkswagenwerk hatte Mühe, junge Aktien zum Kurs von 225 Prozent an den Sparer zu bringen.

Aber ist die Wandelanleihe tatsächlich für den Besitzer wenig attraktiv? Gehen wir in unserem Beispiel davon aus, daß 21 Hoechster Aktien (Nennwert 50 Mark) vorhanden sind. Dafür können sechs Wandelanleihen zum Nennwert von je 50 Mark bezogen werden. Kostenpunkt 300 Mark. Diese sechs Stücke dürfen nach einem Jahr in zwei Hoechster Aktien unter Zuzahlung von je 25 Mark – also zusammen 50 Mark – umgetauscht werden. Über diesen Umweg kosten zwei Hoechster Aktien also je 175 Mark, an der Börse heute aber 209 Prozent. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, daß in dem heutigen Aktienkurs noch eine Dividende von zehn Mark je Stück steckt und schließlich auch der Wert des Bezugsrechtes, den man an der Börse zur Zeit zwischen zwei und vier Mark schätzt.

Inmerhin: Aus heutiger Sicht könnte der Besitzer der Wandelanleihe, insoweit er sie über eigene Bezugsrechte erworben hat, schon nach einem Jahr mit Gewinn in Aktien tauschen. Ob das tatsächlich zweckmäßig ist, wird das Ergebnis einer nüchternen Rechnung sein. Bei der Wandelanleihe wird eine Verzinsung von 6,5 Prozent garantiert, die Aktie bringt heute eine Rendite von nur 4,8 Prozent. Zinsgründe sprechen also gegen eine sofortige Umwandlung.

Nun hat die Verwaltung der Gesellschaft durch die sogenannte Wandlungstreppe die Gesamtrechnung etwas erschwert. Denn die Zuzahlung macht nur in den Jahren 1968 bis 1969 die genannten 25 Mark aus, in den Jahren 1970 bis 1971 beträgt die Zuzahlung 37,50 Mark, 1972 bis 1973 sind es schon 50 Mark, und 1974 bis 1976 müssen bereits 62,50 Mark zugeschossen werden. Das hat zur Folge, daß der Besitzer der Wandelanleihen nach jeweils zwei Jahren neu zu rechnen hat. Betrachten wir die Angelegenheit aus heutiger Sicht, so kann den Hoechster Aktionären geraten werden, von dieser interessanten Anleihe Gebrauch zu machen – natürlich muß auch das Geld dafür vorhanden sein.