Wird die empörte Geste – mit dem Zeigefinger an die Stirn tippen – bald einer anderen weichen: Fünf gespreizte Finger vor das Gesicht halten? Was besagen soll: „Du gehörst hinter Gitter!“ Wird der halblaut vor sich hingemurmelte Autofahrergruß „Knallkopf“ oder „Idiot“ in Zukunft dem noch unfreundlicheren „Verbrecher“ weichen? Die kriminologische Persönlichkeitsforschung bei Verkehrsdeliquenten ermittelt Merkmale, die am deutlichsten zu wiederholten Unfällen in Beziehung stehen: Es sind niedrige Intelligenzstufe, jugendtypische Psyche und eine Persönlichkeit, die durch Egozentrizität, Aggressivität, antisoziale Züge und soziale Unverantwortlichkeit gekennzeichnet ist. Eine Woche lang beschäftigte sich in diesen Tagen die 6. Arbeitstagung über die Untersuchung von Straßenverkehrsunfällen, einberufen von der „Gesellschaft für Ursachenforschung bei Verkehrsunfällen e. V. (GUVU)“, in Karlsruhe mit solchen und ähnlichen Problemen. Über 250 Ingenieure, Sachverständige, Juristen, Mediziner, Polizeibeamte aus der Bundesrepublik, aus Belgien, Schweiz, Frankreich, Luxemburg, Niederlande, Österreich, alles Leute, wie es hieß, die eine „über den Rahmen der Allgemeinbildung hinausgehende mathematisch-physikalische Vorbildung“ besitzen müssen, um alles zu begreifen, was auf der Karlsruher Tagung geboten wurde. Die „Kriminologische Persönlichkeitsforschung“ war eines der interessantesten Themen.

Amtsgerichtsrat Dr. Wolf Middendorf aus Freiburg im Breisgau trug vor, daß schon seit den Zeiten Lombrosos – also seit etwa 100 Jahren – die kriminologische Wissenschaft damit beschäftigt sei, Typologien und Klassifizierungen von Rechtsbrechern auszuarbeiten. Man unterschied zwischen Augenblicks-, Zufall- und Gelegenheitstätern einerseits und Rückfall-, Gewohnheits- oder Zustandsverbrechern andererseits. Bei jungen Menschen mußte man noch mit einer weiteren Untergliederung rechnen: den Entwicklungs- und Pubertätsverbrechern. Middendorf schilderte die Versuche der Verkehrskriminologie, den Verkehrstäter nach Typen einzuordnen. Die Wissenschaft schuf den Begriff „Unfällerpersönlichkeit“. Gemeint ist jener Kraftfahrer, der eine „unwahrscheinlich hohe Unfallbelastung“ hat. Das hänge mit seinem Charakter zusammen.

Forscher bemühen sich sogar, Unterschiede zwischen Männern und Frauen am Steuer herauszufinden. Frauen seien am Lenkrad seltener betrunken als Männer. Anders hatte es wohl niemand erwartet. Die deutschen Psychologen allerdings sind im Gegensatz zu den Amerikanern zurückhaltend: Manche bezweifeln sogar, daß ein krimineller Zeitgenosse leichter ein verbrecherischer Autofahrer wird. H. R.