Es ist ja möglich, unseren Freund Paul Flora vornehmlich als einen Humoristen anzusehen, als den Satiriker, der nicht nur anprangert, sondern auch dies andeutet: Habt Verständnis für den Angeprangerten! Bei solcher Betrachtung ergibt es sich leicht, daß Humor und Satire vergessen machen, wie groß und wie eigenständig Flora als Zeichner, als Künstler ist.

Inmitten seines jüngsten Buches (Paul Flora, "Königsdramen" – 44 höfische Szenen; Diogenes-Verlag, Zürich; 52 S., 28,– DM) steht eine Zeichnung "Fünf Könige", der ich zufällig in verblüffender Nachbarschaft wiederbegegnete: Sie hatte auf einem Bücherregal neben der aufgeschlagenen Partitur eines jener modernen Musikwerke Platz gefunden, die nicht mehr mit den herkömmlichen Notenlinien, sondern auf abstrakte Art fixiert werden. Die Ähnlichkeit vor Partiturbild und Flora-Zeichnung war erstaunlich und anregend. Kann man von "graphischer Musikalität" oder "musikalischer Graphik" sprechen? Vielleicht bringt man es eines Tages fertig, nach Floras "Königsdramen" zu musizieren. Obwohl auch hier, wie in allen seinen Zeichnungen, die Striche nirgendwo einen Druck zuviel haben, ergäbe es Musik fürs große Orchester. Ja, sogar das Unheimliche, das Dämonische ist da.

Über den Inhalt sagt Ernst Schröder in seinen knappen Einführungssätzen: "Shakespeares und Schillers Dramen werden hier stumm, aber unüberhörbar gespielt. Verschwiegene Sprache von Königen und Mördern – gezeichnet." Mir liegt am Herzen, diesen Band, der auf bestem Papier und in schönster Ausstattung für den "Klub der Bibliomanen" herausgegeben wurde, all jenen zu empfehlen, denen bei der Betrachtung der Floraschen ZEIT-Beiträge eine Ahnung davon aufgegangen ist, daß es sich hier um einen Künstler handelt, der auf der einen Seite Olaf Gulbransson, auf der anderen Paul Klee zum Nachbarn hat und über beide so weit hinausgegangen ist, wie das ihm, dem Jüngeren, zusteht. Ja, manchem Genießer der Karikaturen Floras wird der Gedanke gekommen sein: Was täte er, könnte er mit dem Raum umgehen, wie er wollte – als Zeichner und nicht als Karikaturist?

Für die "Königsdramen" hat Flora sich den Raum genommen. Er füllt ihn mit zarten, musikalischen, zugleich kraftvollen Strichen – genial. Manche gewaltig angelegte Figur ist eher tragisch. Wohin ist aber der Humor geraten? Er erhellt die Szenen gewitterig – wie Wetterleuchten.

Josef Müller-Marein