Washington, im Dezember

Einmal im Vierteljahr kommt der amerikanische Botschafter in Warschau, John Gronouski, mit seinem chinesischen Kollegen Wang Rue Tschuang zusammen. Beim letztenmal hat der Amerikaner den Austausch von Saatgutproben zwischen beiden Ländern vorgeschlagen. Das war eine der vielen Gesten, mit denen China eingeladen wurde, seine starre Feindseligkeit gegen die Vereinigten Staaten zu lockern. Viele andere amerikanische Schritte in der gleichen Richtung waren dieser Offerte vorangegangen: Die Rede des damaligen Leiters der Fernostabteilung im State Department, Roger Hilsmam, der vor vier Jahren den Grundsatz der „Offenen. Tür“ erneuerte, damit aber lediglich erreichte, daß er alsbald seinen Posten verlor; John F. Kennedys Bereitschaft, Weizen an China zu liefern, und Lyndon Johnsons Aufforderung zum Austausch von Medizinern und Wissenschaftlern.

Peking hat allen diesen Versuchen einer Annäherung die kalte Schulter gezeigt. Es wird auch wohl keine Reis- oder Weizenproben mit den Amerikanern austauschen. Die Saat der Verständigung zwischen der größten Landmacht Asiens und der stärksten See- und Luftmacht im Pazifik hat noch nicht einmal zu keimen begonnen. Die jüngste Warschauer Offerte der Amerikaner ist dennoch nicht ganz ohne Bedeutung. Sie unterstreicht die Absicht Washingtons, die Johnson in vielen Reden immer wieder hervorgekehrt hat, einer gemäßigten Pekinger Führungsgruppe vorsorglich den Weg zum Dialog mit Amerika zu pflastern.

Das geschieht vor allem im Hinblick auf den offenbar noch immer unentschiedenen Machtkampf in der kommunistischen Hierarchie Rotchinas, der sich in der Kulturrevolution der Roten Garden manifestiert. Weder seine personellen noch seine sachlichen Hintergründe sind bisher im Westen eindeutig entschlüsselt worden; wahrscheinlich schauen nicht einmal die Sowjetrussen ganz durch. Als sicher gilt nur, daß eine eher gemäßigte, auf eine realistische Außen- und Wirtschaftspolitik ausgehende Gruppe in der Parteiführung mit den ideologischen Fanatikern der permanenten Revolution im Kampf liegt. Doch auch für den Fall, daß die Pragmatiker in Peking die Oberhand gewinnen sollten, wird keine sofortige Änderung des chinesischen Verhaltens in jenen zwei fundamentalen Fragen erwartet, in denen sich der Gegensatz zu den USA kristallisiert hat: dem Anspruch auf Formosa und der Forderung nach bedingungslosem Abzug der Amerikaner aus Südostasien.

Washington sähe schon viel erreicht, wenn es überhaupt gelänge, mit Peking über diese beiden Kernprobleme ins Gespräch zu kommen. Daher haben die Vereinigten Staaten bisher auch jeder Versuchung widerstanden, Nationalchina am Krieg in Vietnam zu beteiligen; sie haben Tschiang Kai-schek nicht einmal durch einen Beobachter an der Konferenz von Manila teilnehmen lassen. Im übrigen verbinden die Amerikaner die Gesten der Annäherung an Festlandchina mit der Demonstration ihrer Mittel zur Eindämmung eben dieses Chinas. Ihre militärische Präsenz im Pazifik ist seit dem Zwischenfall im Golf von Tonking vom August 1964, der zu den ersten Bombenangriffen auf Nordvietnam führte, um genau 50 Prozent gewachsen.

Die militante Kraftmeierei Pekings, die sich bisher allerdings in Worten erschöpft hat, die unentwegten Versuche, Asien und Afrika zu unterminieren, das fehlgeschlagene Abenteuer der Revolutionierung Indonesiens und der beschleunigte Aufbau der chinesischen Atommacht, die ganze internationale Kreditwürdigkeit Mao Tse-tungs haben andererseits den Vereinigten Staaten in diesem Jahr in den Vereinigten Nationen wieder einmal einen leicht errungenen diplomatischen Sieg über die chinesische Volksrepublik eingetragen. Die Vollversammlung lehnte mit größeren Mehrheiten als im vorigen Jahr die Aufnahme Pekings an Stelle Nationalchinas ab und stimmte mit ebenso vergrößerter Mehrheit dem Antrag zu, daß ein Aufnahmebeschluß eine „wichtige Frage“ sei, welche die Zweidrittelmehrheit erfordere – worauf Washington stets beharrt hat. Charakteristisch war, daß anderthalb Dutzend bündnisfreie schwarzafrikanische Staaten gegen Peking stimmten; viele von ihnen waren noch vor einem Jahr bereit, Mao das Tor zur UN zu öffnen. Jedoch wies die Vollversammlung einen von Amerika befürworteten italienischen Antrag ebenfalls mit großer Mehrheit zurück, die Zulassung Rotchinas durch einen besonderen Ausschuß prüfen zu lassen, worin die Mehrheit der Mitglieder eine Diskriminierung Pekings sah.

In den vorangegangenen Debatten und Gesprächen haben die Amerikaner klar zu verstehen gegeben, daß sie sich einer „Zwei-China-Lösung“ in der UN nicht entgegenstemmen würden, also einer gleichzeitigen Mitgliedschaft Nationalchinas und Rotchinas. Diese Lösung freilich lehnt Peking ab. Es würde sich daher auch weigern, neben Nationalchina in den Vereinten Nationen zu sitzen. Die Saat der amerikanischen Gesten und Offerten fällt also auf dürren Boden. Sie wird in der nahen Zukunft schwerlich aufgehen. Joachim Schwelien