Arrach (Bayern), im Dezember

Unter den Schneeschuhaktiven bin ich ein Philister, im weißen Kanaan der Skigelegenheiten ein lächerlicher, engherziger, unbeschwingter Mensch. Die Piste nimmt mich nicht auf (für Fußgänger und Tiere Zutritt verboten, heißt es auf Schildern). Die gute Gesellschaft der stemmenden und wedelnden, slalombeflügelten, schußfahrtdynamischen Urlaubselite weist mir Flanke und Rücken. In meinem Fall kommt noch straferschwerend hinzu, daß ich das Hochgebirge, unsere Alpen, auch im Sommer nicht mag. Sie sind mir zu heroisch. Zu angeberisch. Und da ich – selbstverständlich – nicht schwindelfrei bin, kann ich den Anblick steil herniederstürzender Wände und Schroffen, den Hort der Lawinengefahr, aus gar keiner Perspektive ertragen. Und wenn der Winter sein von den Dichtern mit Recht so apostrophiertes Leichentuch über die hohe Bergnatur breitet, dann dünkt sie mir doppelt gespenstisch.

Habe ich überhaupt eine Chance, das, was jene Bevorzugten (ich aber sage: die Tollen) das große Winterglück nennen, auf meine Art mitzugenießen?

Ich würde an den Ressentiments, die diese Frage im Innersten aufwühlt, ersticken, wüßte ich nicht eine positive Antwort darauf: „Ich gehe jeden Winter in den Bayerischen Wald.“ Der Empfänger dieser Mitteilung, wir wollen meinen, ein höflicher Mensch, wird erwidern: „Das finde ich ganz ausgezeichnet. Da soll es ja auch noch nicht so voll sein, und die Abfahrt am Arber ist, wie man hört...“ Meine Antwort: „Ich fahre nicht ab.“

Ich habe mein weißes Paradies an einem Flecken gefunden, der vor wintersportlichem Umtrieb (und deshalb der großen Touristenparade) noch unberührt, ein tiefverschneites Idyll und, in der kalten Jahreszeit zumindest, im liebenswürdigsten Sinne hinterwäldlerisch ist. Kein Skilift baggert dort Scharen sportlich gekleideter Leiber zum windigen Sausevergnügen hinauf. Und die Autostraße endet vor dem behaglichen Wirtshaus, dessen Herrin – in einer Landschaft zumal, deren Reize allgemein nicht im kulinarisch Gastronomischen liegen – auch ihrer Küche wegen gar nicht genug gelobt werden kann. Da dieses Haus, ein alter Waldbauernhof, bis heute noch ohne Nachbarschaft ist, läuft sein Liebhaber keine Gefahr, das stille Tal seiner Winterspiele durch Herumrederei zur Attraktion für Salontouristen zu machen. So sag’ ich’s denn: Gasthof Eschlsaign.

Ein Fußgänger erreicht den Ort von der Kleinbahnstation Arrach zwischen Kötzting und Lara (dies sind wohl Namen, die nur den Eingeweihten des Waldes Vorstellbares besagen) auch bei glattem Schnee in eineinhalb Stunden. Er kommt dann in ein weit geöffnetes Hochtal, dessen Hänge nach zwei Seiten hin den Blick auf entfernte Gebirgszüge und Niederungen freigeben. Steil aufsteigend erhebt sich über diesem Tal der etwa tausend Meter hohe Kamm des Kaitersberges mit dem Riedelstein, auf dessen Gipfel die Wälder ihrem Heimatdichter Schmidt, genannt Waldschmidt, ein Denkmal erbaut haben.

Was wäre zu berichten von meiner philisterhaften Freude an diesem verschneiten Idyll: Daß es mich entzückt, mit schweren Schuhen durch das jungfräuliche Weiß zu stapfen, unter dessen Last die Zweige der schlanken und hohen Tannenbäume sich senken, daß es mir ein sanftes Vergnügen bereitet, dem Getümmel der Welt, zu dem auch. die Pisten der skifahrenden Motorsportler zählen, bei räumlich geringer Distanz hier so fern zu sein. Ich erwähne auch die farbigen Schatten, die, wenn die Wintersonne hinter den Höhen des alten Gebirges sich, in den Abend senkt, über die glitzernde Fläche zauberisch gaukein. Solist unter Solisten – so erfreue ich mich des Abends am Kachelofen mit sattem Behagen jener geselligen Lüste, die der Tod der Konversation sind: Kartenspiel und starkes Getränk.

Karl Heinz Kramberg