Von Cornelia Jacobson

Eigentlich wollten sie nach Saarbrücken fahren. Aber als Heide von der dreitägigen Polenreise, die sie mit einer katholischen Jugendgruppe gemacht hatte, zurückgekommen war und ihrer Klasse von dieser Fahrt berichtet hatte, beschlossen Schüler und Klassenlehrer Willi Voß, die Volksrepublik Polen zum Ziel ihrer letzten Klassenreise zu machen.

Herr Voß berief eine Elternversammlung ein, auf der die Eltern den Plänen ihrer Kinder zustimmten und auch gegen die 21,50 DM, die pro Tag pro Person in die Reisekasse gezahlt werden mußten, nichts einzuwenden hatten. Schwieriger war es schon mit der Genehmigung der Behörden. Da wollte also die 13n(n= naturwissenschaftlicher Zug) der Marie-Curie-Schule in Berlin-Wilmersdorf einfach in ein Land fahren, in dem es keine bundesrepublikanische Botschaft gibt – konnte man das verantworten? Zwar gibt es dort eine deutsche Handelsmission, und die amerikanische Botschaft vertritt die Interessen der Bundesrepublik, aber wußte man denn, ob sie sich im „Ernstfall“ (was immer man sich darunter vorzustellen hat) für diese 13n stark machen würde? Bedenken über Bedenken. Schließlich aber genehmigte der Regierende Bürgermeister die Reise, und Studienrat Voß konnte auf dem „Amtsweg“ weiterschreiten: das Einreisevisum nach Polen besorgen, ein Durchreisevisum für die DDR über das Reisebüro „Helios“ beantragen, und endlich konnte er sogar die Fahrkarten kaufen.

Acht Mädchen, neun Jungen, eine Lehrerin und ein Lehrer bestiegen am Bahnhof Zoo den Kurswagen nach Warschau und fuhren als erste westdeutsche Klasse gen Osten. Erstes Erstaunen: daß Frankfurt an der Oder nur eine Bahnstunde von Berlin entfernt ist. Mit räumlichen Vorstellungen ist es ja merkwürdig: Orte, wo „man“ nicht hinfährt, liegen irgendwo in verschwommener Ferne. Zweites Erstaunen: Warschau ist viel moderner als erwartet. Die jungen Leute waren eben mit der guten Portion Klischeevorstellungen losgefahren, die man sich bei uns im Laufe der Zeit mühelos erwirbt. Ein junger Mann meinte: „Die Polen sind viel liberaler und toleranter, als wir gedacht hatten. Wir bekamen auch keinen Politführer mit, der uns politischen Unterricht erteilte, und unser Programm war viel weniger starr, als wir nach allem, was man so hört, erwartet hatten.“ Und noch etwas wurde von den Schülern mit Verwunderung – und wohl auch Bewunderung – vermerkt: Niemals bekamen sie es zu spüren, daß sie Deutsche waren. Wenn man ihnen Konzentrationslager und Nazigefängnisse zeigte, sprachen die Polen von den „Hitler-Deutschen“ – nur einer sagte einmal „die Deutschen“, er hat sich dann gleich korrigiert.

Sind die Besucher von den Polen viel nach den Lebensbedingungen in der Bundesrepublik gefragt worden? – Eigentlich nicht so oft, aber eine russische Gruppe und ein paar Jugendliche aus der „sogenannten DDR“, die hätten sie richtig ausgequetscht.

Es ist höchst amüsierlich – wenn nicht geradezu lächerlich – wenn diese Jungen, die sich sonst so ausdrücken, wie es 18- und 19jährige normalerweise zu tun pflegen, plötzlich in den Stil gewisser Politiker und Kommentatoren verfallen. Die „sogenannte DDR“ und die „Sportler aus Mitteldeutschland“ klingen aus dem Mund eines Oberprimaners sehr seltsam – um nicht zu sagen deprimierend. Aber in diesem Alter ist man wohl viel beeinflußbarer, als man selber weiß und wahrhaben möchte. Darum wurde sicherlich auch dies erwähnt: Als sie auf dem Bahnhof in Warschau ankamen, wurden sie mit den Worten begrüßt: „Willkommen, liebe Freunde aus der DDR.“ Kommentar eines Schülers: „Da haben wir natürlich sofort protestiert.“ Natürlich.

Wurden bei diesen privaten Ost-West- Gesprächen allerdings einmal politisch besonders diffizile Themen angeschnitten, dann griff Stanislaw, der sprachgewandte Reiseleiter der Gruppe, diplomatisch ein. Fragen wie „Warum erkennt ihr die DDR nicht an?“ beantwortete er und nicht einer der Berliner. Aber auch umgekehrt: wenn einmal die Schüler „schwierige“ Fragen stellten, sorgte Stanislaw dafür, daß erst gar keine Wogen aufkommen konnten, die später zu glätten gewesen wären. Dieser Stanislaw ist übrigens ein Student, der sich als Reisebegleiter während der Semesterferien Geld verdient.