Wer auf einem Tiger reitet, kann nie mehr abspringen, sagt ein altes englisches Sprichwort. Dessenungeachtet kletterte Labour-Premier Harold Wilson am vorigen Wochenende unweit Gibraltar bei stürmischer See an Bord des Raketenkreuzers „Tiger“, der ins Mittelmeer entsandt worden war, damit die spektakulärste Gipfelkonferenz dieses Jahres stattfinden konnte: Wilson wollte noch in letzter Minute Ian Douglas Smith, den Rebellenführer der weißen Siedler Rhodesiens, zur Umkehr bewegen.

Eine Konferenz auf hoher See bot Wilson den Vorteil, ungehindert von neugierigen Journalisten eine Lösung auszutüfteln, und Smith die Garantie, etwaigen Nachstellungen des britischen Kronanwalts zu entgehen, der ihn nach einem Gesetz aus dem 14. Jahrhundert als Hochverräter vor den Richter bringen könnte.

Beide Premiers handelten in wirtschaftlichen Bedrängnis: Smith unter der Drohung eines verschärften weltweiten Boykotts, dem zu entgehen geboten schien, da schon der Handelskrieg in den letzten dreizehn Monaten Rhodesien arg zugesetzt hatte: Die Regierung blieb auf 70 Prozent der Tabakernte und 200 000 Tonnen Zucker sitzen und mußte den Farmern mehr als 28 Millionen Mark Subventionen zahlen.

Wilson hingegen muß befürchten, daß ein totaler Wirtschaftskrieg mit Rhodesien auch Südafrika, einen der wichtigsten Handelspartner Großbritanniens, nicht schonen würde. Das könnte für die britische Währung verheerende Folgen haben. Schwarzseher sprachen bereits vom „Suez der Labour Party“. (Die Konservativen mußten vor zehn Jahren wegen der bedrohlichen Finanzlage das Suez-Unternehmen vorzeitig abbrechen.)

Smith und Wilson – der eine hatte zu Hause den rechten, der andere den linken Flügel seiner Partei im Nacken – kamen sich „auf Rufweite“ nahe. Der rhodesische Premier übernahm die „sechs Grundsätze“ Wilsons, die einen allmählichen Übergang von der weißen Vorherrschaft zur schwarzen Mehrheitsregierung garantieren sollen. Aber Smith und sein Kabinett waren nicht bereit, sich für eine Übergangszeit von vier Monaten der Herrschaft des britischen Gouverneurs zu unterstellen.

Letztlich scheiterte die Einigung an Prozedurfragen: Wilson bestand, aus Mißtrauen gegen die rhodesischen Rassenfanatiker, auf handfesten Sicherheiten, und Smith, aus Furcht vor „trojanischen Pferden aus England“, wollte nicht die Machtmittel seines Polizeistaates aus der Hand geben.

So nahm das Verhängnis seinen Lauf. London mußte den Weltsicherheitsrat anrufen, weil Wilson beim Commonwealth im Wort stand. Noch vor Weihnachten soll die UN einen obligatorischen Boykott über die wichtigsten Exportgüter Rhodesiens verhängen: Tabak, Zucker, Chrom, Asbest, Eisenerz, Roheisen, Fleisch, Fleischprodukte, Kupfer, Leder, Felle und Häute.