Die schläfrige portugiesische Enklave Macao an der südchinesischen Küste geriet über Nacht in den Brennpunkt des Weltinteresses. Jugendliche „Rote Garden“ zogen singend und randalierend durch die Straßen, zitierten Mao-Verse, verwüsteten Amtsgebäude, stürzten Autos und Denkmäler um und verbrannten portugiesische Bilder und Dokumente. Die Polizei gab „Feuer frei“, mehrere Dutzend Demonstranten wilzten sich im Blut.

Während Lissabon versicherte, der neue Gouverneur Nobre de Carvallo werde die Störungen schon „ausbügeln“, bemächtigte sich vieler der 300 000 Einwohner (zu 95 Prozent Chinesen) Furcht und Unruhe, die nicht geringer wurden, als chinesische Kanonenboote aufkreuzten und vom Festland Geschützfeuer zu hören war. Die Fährboote zum benachbarten Hongkong waren mit Flüchtling gen überfüllt.

Angefangen hatte es mit einem zunächst harmlosen Streit um den Bau einer neuen Schule auf der Nebeninsel Taipa. Törichtes Verhalten der Behörden gab Wasser auf die Mühlen der „Rotgardisten“, die womöglich vom Festland gesteuert wurden. Pekings Propaganda schlachtete die Vorfälle jedenfalls weidlich aus.

Die Portugiesen, die ohnehin nur ein Bataillon Soldaten dort stationiert haben, geben sich kaum Illusionen hin. Praktisch wird die Enklave längst von Peking beherrscht. Die Verwaltung übt sich in friedlicher Koexistenz; ein chinesischer Millionär hält den offiziellen Kontakt aufrecht. Als Devisenquelle (Beteiligung an den Spielkasinos) und Handelstor zum Westen war ein portugiesisches Macao jedoch bisher für die Volksrepublik China von einigem Wert.