Von Gregor Guthmann

Ich kam aus dem Büro und war müde. Trotzdem meldete ich pflichtschuldig: „Herr Schröder aus der Buchhaltung und Fräulein Holtz (meine Sekretärin): je ein ‚ohnehins‘, Herr Grell vom Verkauf drei ‚ohnehins‘ innerhalb einer halben Stunde.“ Wir zählten die gemeinsame Ausbeute. Es war ein gutes Tagesresultat: Sechzehn ‚ohnehins‘.

Meine Frau, müssen Sie wissen, ist eine Sammlerin. Sie sammelt Wörter, und ich assistiere ihr dabei. Genauer gesagt, sammeln wir bestimmte Wörter – Modewörter und -Wendungen, jene schrecklichen Gebilde, die – niemand weiß, woher – plötzlich in Gesprächen und Korrespondenzen, in Leitartikeln, Wahlreden und Rezensionen auftauchen und sich wie Seuchen ausbreiten. Da gab es – um die erfolgreichsten Bildungen der letzten Jahre zu nennen – das vielsagende ,inetwa‘ und die Eigenschaftswörter aus dem Sprachschatz der Aktiv-Menschen: ‚Bewußt‘ (statt ‚absichtlich‘), ‚echt‘ und ‚vital‘ und schließlich die noch immer imponierend weit verbreitete ‚von... her’-Konstruktion (,von der Sache her‘, ,von der Wirkung her‘, ,von der Optik her’).

So wie andere Briefmarken, Münzen oder dergleichen sammeln, sammeln wir Wörter. Wie schon angedeutet, wirke ich dabei nur in untergeordneter Funktion. Für den strategischen Bereich ist meine Frau zuständig. Neben der täglichen Arbeit des Erfassens und Einordnens lenkt sie die Operation im Großen.

Natürlich verlangt ein so bedeutendes Werk Opfer. Sie werden von uns gebracht. Geduldig legen wir unsere Angeln aus, und manche Minute wird unnötig im Gemüseladen oder beim nachbarlichen Schwatz verbracht, manche Straßenbahnstation verpaßt, um doch noch ein ‚Das darf doch nicht wahr sein!‘ zu erwischen. Die ganze Mühe aber ist vergessen, wenn wir eines Tages wieder einen Giganten von Ohnehin-Ausmaßen aufgespürt haben und diesen Fund, wie gewohnt, mit einer festlichen Flasche Hausmarken-Sekt feiern können. Denn wenn man keine Aufgabe hat, ist das Leben ohnehin leer.