Von Hellmuth Karasek

An jedem Freitagnachmittag füllen sich die Stuttgarter Briefkästen mit einer Zeitung, die in ihren Anfängen schwäbisch-zärtlich „Wochenblättle“ hieß und sich inzwischen zum Stuttgarter Wochenblatt emporgeläutert hat. Man bezieht sie ungefragt und kostenlos und kann in ihr erfahren, wo ein gebrauchter Kinderwagen abzugeben, eine Putzfrau zu finden sei, wo Fernsehreparaturen auch nach Feierabend fachmännisch und billigst ausgeführt werden. Damit die Anzeigen, aus denen das Blatt im Grunde nur besteht, aufgelockert werden, findet da auch ein Stuttgarter Tagebuch statt, dessen Verfasser Fred Wiesen heißt und vorwiegend damit beschäftigt ist, Sonne in den Herzen seiner Leser zu verbreiten. Er schüttelt also den Kopf, wie es zugeht in der bösen weiten Welt, druckt Briefe zu guten Taten und zitiert in schöner Regelmäßigkeit Goethesche Gedankensplitter.

Vor Weihnachten und Neujahr allerdings reichen Goethes Maximen ihm nicht aus, da greift er selbst zur Dichter-Feder und stellt seinen Lesern einen Auszug aus einem religiösen Drama vor. Dann merkt man, daß er als Theaterkritiker die Stücke seiner Zeitgenossen zu Recht mißversteht, denn sie haben mit dem, was er probenweise aus der eigenen dramatischen Werkstatt publiziert, wirklich nichts gemein.

Was an seinem „Tagebuch“ ärgert, ist, daß da beispielsweise zum ganz und gar nicht fröhlichen Halali auf die Stuttgarter Gammler geblasen wurde, wobei Herr Wiesen Vorschläge von Lesern unterbreitete und unterstützte, die durchaus Rote-Garde-Radikalität oder Arbeitsdienst-Methoden im Umgang mit langhaarigen Zeitgenossen empfahlen. Was an seinen Theaterrezensionen amüsiert, ist nicht, daß sie stets auf dem falschen Bein jubeln und tadeln, sondern daß ihr Verfasser beispielsweise nach Ansehen von Arthur Millers „Zwischenfall in Vichy“ freimütig gestand, ihm habe das Stück gefallen, obwohl er – er bekenne das offen – mit Arthur Millers pornographischen Romanen, vor allem dem „Wendekreis des Krebses“, gar nicht einverstanden sei. Ebenso klein wie der Schritt von Arthur zu Henry Miller war ihm der von Gorki und Tschechow zu den Rassen in Berlin. Als die Württembergischen Staatstheater sich erkühnten, in einer Spielzeit Tschechow und Gorki im Repertoire zu vereinen, wehrte sich im Wochenblatt ein eminent politischer Instinkt: Der Kritiker meinte, man solle uns doch wenigstens am Theaterfeierabend mit den Russen verschonen, die uns schon den Tag in Berlin und anderswo so verdürben.

Nun müßte man darüber eigentlich nicht sprechen, wäre es Fred Wiesen nicht in den letzten Wochen glanzvoll gelungen, Schiller umzukehren – den er ebenso wie Goethe gern im Tagebuch führt – und den Schritt vom Lächerlichen zum Erhabenen zu tun. Eben noch hatte er über die Stuttgarter „Moral“-Aufführung rühmend vermerkt, daß da der ewige Spießer eins ausgewischt bekomme – und schon bekannte er in seiner Rezension von Ardens „Leben und leben lassen“, daß er, „jawohl“, ein Spießer sei. Mit aller satirischen Schärfe, die ihm sonst nur unfreiwillig zu Gebote steht, taufte er das Staatstheater gleich im ersten Satz in „Pornographie-Theater“ um und sah in düsterer Vorahnung den Abend nicht mehr fern, da auf Stuttgarts Bühnen der Beischlaf vor den Augen des Publikums und vor allem der Stuttgarter Töchter völlig unverhüllt stattfinden werde.

Die rhetorische Frage, wie lange wir uns das noch bieten lassen müßten, verhallte nicht angehört. Fünf Stuttgarter Stadträte schrieben ihrem Bürgermeister einen Brief, in dem sie ihn baten, dem unmoralischen Bühnentreiben ein Ende zu setzen. Zwar hatten die meisten von ihnen das Stück des Anstoßes noch gar nicht gesehen – ihr moralisches Feingefühl verließ sich da auf Gewährsleute. Aber ihr Wortführer warf kurz darauf die schwerwiegende Frage auf, wie es denn in Stuttgart bewerkstelligt werden könnte, etwas „Minderjähriges“ mit ins Theater zu nehmen. Vom Bürgermeister selbst erfuhr man nun, er sei in der Arden-Premiere bereits in der Pause gegangen: Ihm war der Wortschatz zu gemein gewesen, der den Asozialen auf der Bühne zur Verfügung stand. Hätte er das Ende des Stücks abgewartet, er hätte sehen können, daß die Nachbarschaft der verkommenen Sippschaft sich diese nicht zuletzt wegen ihres schweinischen Wortschatzes in einer Art Lynchjustiz vom Halse zu schaffen sucht. Arden zeigt in seinem Stück, daß gewisse Bürger so reagieren, wie sie in den Tagebuchblättern des Wochenblatts auch reagierten, als es galt, die Gammler aus Stuttgarts sauberem Stadtbild zu treiben.

Jede Moralfarce braucht, wie sich auch in Stuttgart zeigte, eine bestimmte „Besetzung“, eine bestimmte Handlung und nimmt einen bestimmten Verlauf. Zur Besetzungsliste gehört die Märtyrerrolle der Unschuld, gehören die Verteidiger, die klassisches Bildungsgut in den sittlichen Kampf werfen, um zu zeigen, daß schon Schiller, Sophokles und Gerhart Hauptmann die schwächeren Moralbataillone auf ihrer Seite hatten. Zu den unbekannten Märtyrern, als welche inSittlichkeitsfragen immer Töchter, die da ahnungslos ins verruchte Theater mitgenommen werdet, zu fungieren haben, kam schon bei Fred Wiesen Stuttgarts Schauspieldirektor Karl Vibach hinzu. Er war Tage vor der Premiere zurückgetreten (zwar nicht wegen des Arden, sondern weil er seine Kündigung am Ende der Spielzeit nicht abwarten wollte) und avancierte nun zum braven Mann, der an sich selbst zuletzt und an die Moral zuerst gedacht hatte. Vergeblich – wie die tatsächliche Aufführung des gemeinen Stücks mit dem gemeinen Vokabular bewies.