Völlig unbeachtet von der Weltöffentlichkeitbegann die kleine Schweiz im gemütlichen Luzern ein Raketenprogramm. Verantwortlich für diese Sensation zeichnet die Edition Carlit, Zürich. Sie hatte einige Prominenz nebst Presse ins Verkehrshaus der Schweiz geladen, um dort – ein Spiel vorzustellen. Ein liebenswürdiger Aufwand und ein Beweis mehr, wie hoch der Spieler anderwärts im Kurs steht. Es gab Reden, einen Film und einen Imbiß.

Aber Interesse und Augenmerk der Gäste galt letztlich nur einer jener flachen Schachteln mit dem magischen Inhalt, und der ist in diesem Fall einfach prachtvoll. Mehr Aufwand scheint kaum möglich zu sein. Und man sieht, daß der Hersteller mit dem Kunststoff umgehen kann; das sieht beinahe wie ein Todesurteil für die bisher die Branche beherrschende Pappe aus. Ein Prachtstück, dank Constri. Es hat auch auf Anhieb in Paris den „Oscar du Jouets“ bekommen.

Doch ich fürchte, diesmal hat der Glanz der Ausstattung sogar die französische Bewertungskommission geblendet. Oder war es die technische Kopflastigkeit des Spiels, sein Informationswert? Die Oberlehrer werden es ganz gewiß preisen – ich kann’s nicht, denn dem sympathischen Erfinder ist nur eine Variation von „Karriere“ (Verlag Franz Schmid, München) eingefallen. Man sieht, die Monopoly-Idee ist einfach nicht umzubringen, und sie wird es, von Aktualität zu Aktualität, auf sicher noch viele Metamorphosen bringen.

Doch vielleicht ist meine Enttäuschung nur das Lot der Diskrepanz zwischen Image und Gehalt: Alles in allem ist das Spiel ja so übel nicht. Schließlich gilt es, mehrstufige Raketen aufzubauen, sie vor Sabotage zu schützen, zu spionieren und zu finanzieren (nämlich die ganze aufwendige Rückfahrkarte zum Mond), und, als kleinen Tribut ans Wohlleben. oder zur Gaudi, einige Kniebeugen zu absolvieren. An Stelle von Würfeln gibt es, ganz zünftig, zwei „Rollbahnen“, aufder Glaskugeln die Augen fürs Vorrücken auf dem bekannten ewigen Rundlauf anzeigen. Sie sind ein wenig anfällig für systematische Fehler, so daß man ohne Hilfe einer Wasserwaage nicht versuchen sollte, den Weltraum zu erobern.

Geradezu bescheiden wirkt neben „Count dovn“ das „Wettrennen der Astronauten“. Und doch ist es das bessere Spiel. Das liegt an jenem neuen Prinzip, das auch dem „007“ so gut bekommen ist (ZEIT Nr. 46), der Kombination von Plan- und Kartenspiel.

Die Karten (jeder Spieler spielt mit deren fünf) haten eine Doppelfunktion, nämlich Geschwindigkeit und Manöver (wie Start oder Bremsen), kenntlich an farbigen Punkten. Mit einer Karte, auf der ein solcher Punkt durchgekreuzt ist, kann man das entsprechende Manöver verhinden – beim Gegner natürlich. Auch hier geht es im eine Reise zum Mond und zurück; zwecks Landung auf dem Trabanten löst sich sogar die Kapsel von der Rakete, die bis zu deren Rückkehr zum Mondsatelliten wird.

Die Spielregel bietet zwei Alternativen an: entweder diese Kampfkarten nach Gebrauch auszuscheiden oder aber sie in den Talon zurückzugeben. Das zweite ist nach meiner Meinung eine Möglichkeit, binnen kurzer Zeit im trauten Heim einen nahezu echten Raum-Koller zu erleben. Eugen Oker