Energien, die sich aufheben könnten

Von Kurt Becker

Die Zeit der brüderlichen Umarmungen ist vorbei. Selbst den glühenden Anhängern der Großen Koalition dämmert, wie schwer das Regieren nun sein wird. Einen Vorgeschmack davon wird die Regierungserklärung geben. Gemeinsamkeit läßt sich nun einmal nicht verordnen. Dabei ist nicht zu leugnen, daß das Kabinett Kiesinger eine glanzvolle Elite unserer Politiker repräsentiert.

Seit siebzehn Jahren hat kein Kabinett so viele kraftvolle und ehrgeizige Männer vereinigt – ungeachtet mancher Konzessionsschulzen und Konfessionsgewinnler, die freilich auch diesmal nicht fehlen. Aber die personelle Kraftzusammenballung summiert sich nicht automatisch zur Stärke der Regierung. Schon wer sich mit seinen Erwartungen an den eigenwilligen Talenten des Kabinetts orientieren will, stößt sogleich auf die Unvereinbarkeit ihres politischen Willens.

Kanzler ist Kurt Georg Kiesinger, aber drei weitere Schlüsselfiguren der Regierung brennen vor Leidenschaft in dem Wunsch nach dem höchsten Amt: Außenminister Willy Brandt, Verteidigungsminister Gerhard Schröder und Finanzminister Franz Josef Strauß. Was anderes können sie sich wünschen, als daß Kiesinger nur ein Kanzler des Überganges sei? Und untereinander trennt sie nicht nur Temperament und Ehrgeiz, es trennt sie auch Idee und Vision.

Loyalität? Gewiß, der Kanzler und seine Rivalen fühlen sich einstweilen zu gemeinsamem Erfolg verpflichtet. Doch niemand unter ihnen wird den eigenen Weg aus den Augen verlieren. Sie alle werden danach trachten, sich in doppelter Hinsicht zu bewähren: als Sachpolitiker und als Machtpolitiker. Und es sind ja nicht nur die vier, die kraft Amtes und eigenen Gewichts die prädestinierten Mitglieder des inneren Kabinetts sein werden, das Kiesinger vorschwebt und für das er noch nach einem institutionellen Rahmen sucht. Daneben sind andere, die gleichfalls ihren Meißel ansetzen wollen, um der künftigen Politik die Konturen zu geben. Herbert Wehner in erster Linie, und auch Karl Schiller und Gustav Heinemann. Sie alle haben einen ausgeprägten Willen, sind dickschädelig und einfallsreich.

Oder Kurt Schmücker, an den die naheliegende Versuchung herantreten wird, die Verdrängung vom Wirtschaftsministerium in das eher dekorative als wichtige Schatzministerium durch einen weiterhin gewichtigen Einfluß auf Struktur und Konjunktur der Wirtschaft wettzumachen. Oder auch der Neuling Paul Leber. Als strahlende Figur unter den deutschen Gewerkschaftsführern wird er nicht Generalstraßenbaumeister sein und nur Kärrnerarbeit leisten wollen. Oder Paul Lücke, den immerhin in beiden großen Parteien mancher gern als Kanzler der Großen Koalition gesehen hätte und der als Exponent des linken CDU-Flügels beträchtliches Eigengewicht besitzt.