Von Vitus Dröscher

Es ist ein faszinierendes Unternehmen, das Phänomen Mensch in eine Reihe einzelner Elementareigenschaften aufzulösen und die Entwicklung jeder dieser Linien bis in vormenschliche Wurzeln hinab zu verfolgen, bis zu den Menschenaffen, Affen und Halbaffen. Das Mosaik der Menschwerdung ist gegenwärtig noch längst nicht vollständig. Erst bei wenigen Primatenarten sind Sozialverhalten in freier Wildbahn, Intelligenz und Sprachvermögen erforscht worden. Aber die Forschungsarbeiten sind in vollem Gange.

Dabei haben sich zum Teil überraschende Befunde herausgestellt, wie etwa der, daß nicht in jeder Fähigkeit eine aufsteigende Tendenz zur Krone der Schöpfung geführt hat. Das gilt zum Beispiel für ein Element der Sprache, für die Erzeugung der Laute. Die Totenkopfaffen etwa, die in Trupps von oft mehr als 100 Mitgliedern die Wipfelregionen tropischer Urwälder Südamerikas bevölkern, verfügen über eine wesentlich größere Vielfalt von Lauttypen als der Mensch.

Das Signalsystem der zierlichen Äffchen umfaßt Pieplaute, Zwitschern, Kakeln, Bellen, Fauchen, Quarren, Tschirpen, Keckern und Schreien. Über die letzten 70 Millionen Jahre bis auf den heutigen Tag unverändert blieb davon nur eine Lautgruppe: das Schreien. Deshalb wird es auch von allen Halbaffen, Affen, Menschenaffen und Menschen im gleichen Sinn verwendet, nämlich als Ausdruck höchster Erregung.

Von größerem entwicklungsgeschichtlichen Wert sind die Pieplaute. Innerhalb dieses Lauttyps sind den Totenkopfaffen nur vier Variationen möglich: Das „Fiepen“ wird als Verlorenheitslaut immer dann geäußert, wenn ein Tier außer Sichtweite seiner Kumpane geraten ist. Diese beantworten es solange in gleicher Weise, bis der Verirrte den Anschluß wiedergefunden hat. Hingegen ist das „Stimmfühlungs-Piepen“ tiefer und kürzer. Die Affen gebrauchen es, wenn sie sich gegenseitig noch sehen können, und zwar um so häufiger, je weiter sie sich voneinander entfernt haben.

Wie eine stark überdrehte Sirene klingt das „Alarmpiepen“. Mit ihm wird jedes sich schnell bewegende Objekt gemeldet, zum Beispiel ein Jaguar. Beim Ertönen dieses Rufes flieht jeder Affe sofort in ein Versteck und verharrt dort regungslos. Außerdem gibt es noch das „Piepsen“. Es ist ein Befriedigungslaut und bedeutet so viel wie: Ich will dir nichts Böses tun, sondern nur spielen. Freundschaftlich balgende Affen müssen fortwährend dieses Piepsen äußern, andernfalls wird augenblicklich aus dem Spiel Ernst. Alle diese Einzelheiten des Totenkopfaffen-Lexikons teilte jetzt Dr. Peter Winter vom Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie in der „Umschau in Wissenschaft und Technik“ mit.

Diesem so viel grundverschiedene Lauttypen enthaltenden Repertoir gegenüber ist bereits das vokale Spektrum der entwicklungsgeschichtlich höher stehenden Makaken und Menschenaffen auffallend verarmt. Behaglichkeit ausdrückende Zwitscherlaute kennen sie zum Beispiel gar nicht mehr. Andererseits wird diese Beschränkung oder Rückentwicklung auf eine kleinere Anzahl von Lauttypen durch wesentlich gesteigerte Variationsmöglichkeiten innerhalb der verbliebenen Lauttypen mehr als wettgemacht.