Von Jürgen Harten

In Deutschland lebt man nicht gern mit der Kunst, man braucht sie zu Bildungszwecken – warum auch nicht? Daß aber ein Museum zur Eröffnung einer großen internationalen Ausstellung eine Band engagiert, daß Scharen gutgelaunter junger Besucher durch die Räume ziehen und daß anschließend Künstler und Galeristen zum Essen und Trinken eingeladen werden: das ist offenbar nur in Amsterdam möglich. Das Stedelijk Museum hat sich nicht nur die „Formen der Farbe“ etwas kosten lassen.

Der Aufwand galt, wie man hört, einer neuen Kunstrichtung, die gerade erst von Laurence Alloway (der seinerzeit auch Pop kreierte) im New Yorker Guggenheim-Museum als „systemic Art“ vorgestellt worden war. Wer vor einem Jahr im Berliner Haus am Waldsee die „Farbobjekte und Signale“ gesehen hat oder wem die Hannoveraner „Musische Geometrie“ noch frisch in Erinnerung ist, der kann sich ungefähr vorstellen, wohin die Richtung zielt. Die umfassendste vorläufige Einführung gab das Sonderheft „Neue Abstraktion“ (der Titel nach einer New Yorker Ausstellung von 1963) der Zeitschrift „das kunstwerk“ (April 1965).

Ob nun hard-edge oder ABC-Kunst, ob kalt, langweilig, minimal, oder mit welchen Worten auch sonst schon versucht worden ist, die oft so einsilbig und nichtssagend scheinenden nachinformellen, spätmonochromen oder parakonstruktivistischen Abstraktionen festzunageln: wieder einmal haben dem zum Trotz, so scheint es, Allmächtige drüben einen Coup gelandet.

Die Wahrheit indessen ist etwas bescheidener. Alloway und die Amsterdamer haben nichts weiter vor als eine Bestandsaufnahme künstlerischer Möglichkeiten außerhalb und diesseits von Pop und Op. Dabei fällt gleich auf: beinahe ein Viertel der Ausstellenden (darunter Albers, Bill und Lohse, auch Morris Louis und Feeley, die beide nicht mehr leben) ist vor 1910 geboren; die meisten zählen zu den Jahrgängen 1928 bis 1934. Und während schon diese Daten belegen, daß nicht eine neue Kunstmode ausgerufen werden soll, wird andererseits vor den Bildern einiger der Alten deutlich, wie sie Probleme verfolgen, die die Jüngeren sozusagen positiv vermeiden. Es hat sich also etwas geändert.

Die Schwierigkeit, darüber zu referieren, beginnt schon damit, daß man die Gegenstände nicht immer unmißverständlich und ohne weiteres Bilder oder Plastiken nennen kann. Rhomben bei Noland, Verschmelzungen von Dreieck oder Trapez mit dem Rechteck bei Stella mögen noch angehen; bei flachen, lackierten Blechen aber, bei Tafeln, aus denen Vorbauten hervorgehen, oder bei Leinwänden, die von vorkragenden plastischen Teilen konkav zurückgespannt sind (wie bei Richard Smith), ist der Bildbegriff schon fraglich.

Frei in den Raum gesetzte flache oder massige Gegenstände heißen heute Objekte; sie werden im Einzelfall näher nach ihrem Aussehen oder ihrer Zusammensetzung bezeichnet, „Schichtung“ bei Lenk; „slant“ (was etwa mit „schräg-geneigt“ zu übersetzen wäre) bei King. Aber auch die überlieferte Vorstellung dessen, was „bildhaft“ sei, die ja einschließt, daß Bilder und Plastiken stellvertretend etwas in sich hereinziehen, dem sie dadurch zur Darstellung und Bedeutung verhelfen, wird scheinbar zweifelhaft.