Von Marianne Eichholz

Berlin-Lichtenberg – ein Stück Weltknoten dorf, Mauershausen, auch Hauptstadt, auch Dornröschenstadt. 165 300 Berliner wohnen da. Es gibt mithin mehr Lichtenberger als Freiburger oder Würzburger.

Lichtenberg hat ein Wappen, auf dem ein Ährenbündel, das an die Landwirtschaft, und ein Zahnrad, das an die Industrie erinnern soll. Seinen Namen hat es tatsächlich von... sagen wir einer Anhöhe am Rummelsburger See, wo die ersten Lichtenberger im 13. Jahrhundert siedelten. Seit 1920 ist der Stadtteil durch Gesetz des Preußischen Landtags zusammengebacken zu einem Eintopf aus den früheren Landgemeinden Friedrichsfelde, Biesdorf, Kaulsdorf, Mahlsdorf, Marzahn und dem Gut Hellersdorf. Ergebnis: der 17. Bezirk von Großberlin.

Er liegt seit 1961 hinter einer Hecke von Stacheldraht, Beton und Schnellfeuerwaffen, auch von Unkenntnis und von Vergessenwollen. Und hat doch etwas Gemeinsames mit Westberlin, nämlich Wasser, unpolitisches Wasser. Das fließt durch ein sogenanntes Zwischenpumpwerk in Lichtenberg. Wasser aus den 901 Brunnen von Ostberlin, die zwischen 50 und 120 Meter tief sind. Es ist von „anerkannt guter Qualität, mittelhart und klar“, steht in dem Band „Berlin – Hauptstadt der DDR“, herausgegeben vom VEB-Brockhaus-Verlag, Leipzig, 1966. Der Band ist nützlich wegen der vielen Fakten; den allgemeinen Teil darf man kritisch lesen, oder es lassen. Er hält sich nicht an die Baedekersche Devise der strikten Neutralität, sondern treibt kräftig „sozialistische“ Propaganda.

Die „rote Rosa“

Lichtenbergs Anziehungspunkte heißen: Tierpark Friedrichsfelde und „Theater der Freundschaft“. Der dritte Anziehungspunkt, mit historischen Widerhaken besetzt, ist der Sozialistenfriedhof – ein Stück gesamtdeutscher Geschichte, dokumentiert in Gräbern. Er liegt zehn Minuten vom S- und U-Bahnhof Lichtenberg entfernt. Hier, auf dem „städtischen Zentralfriedhof“, haben viele Männer und Frauen „ihren letzten Parkplatz“ so drückt es ein Lichtenberger Twen aus, die sich oft auf eine der Obrigkeit ärgerliche Weise darum scherten, daß die Decke irdischer Güter nirgends paßte, soviel sich das Volk auch danach streckte: Die Sozialdemokraten Wilhelm Liebknecht und Paul Singer, aber auch die Kollwitz und der Schauspieler Eduard von Winterstein. Die dunkle Kehrseite der zwanziger Jahre redet durch Steine und Inschriften. Als Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht umgebracht worden waren, verweigerte ihnen Oberbürgermeister Böß das Begräbnis auf dem traditionellen Sozialistenfriedhof. Da nahm man ein angrenzendes Stück, den ehemaligen Armenfriedhof dazu. Mies van der Rohe entwarf eine Gedenkmauer, die auch gebaut, dann aber von den Nazis zerstört wurde. 1951 wurde ein neues Denkmal eingeweiht. Die „rote Rosa“ und Karl Liebknecht ruhen da, Rudolf Breitscheid, Franz Mehring, Otto Grotewohl, Bruno Leuschner, Erich Weinert, die Schriftsteller Friedrich Wolf und C. Weiskopf.

An die emigrierte „ganze Linke“ erinnert ein Haus in Altfriedrichsfelde, Einbecker Straße Nr. 41. Von dort aus eroberte der heutige DDR-Landesherr Walter Ulbricht mit der „Gruppe Ulbricht“ die preußische Metropole, damals, im Mai 1945.