Gedanken zu einem wichtigen Buch und zu einer gefährlichen Restaurationsidee

Von Albrecht von Kessel

Hans-Joachim Schoeps: Preußen, Geschichte eines Staates. Propyläen-Verlag, Berlin. 422 Seiten. 19,80 DM.

Immer, wenn das Gespräch auf Preußen kommt, muß ich eines Berliner Theaterabends im März 1933 gedenken. Wir hatten gerade die letzten „freien“ Reichstagswahlen hinter uns gebracht. Frei waren sie nur insoweit gewesen, als man noch den Kandidaten verschiedener Parteien seine Stimme geben konnte und nicht gezwungen war, eine plebiszitäre Fragestellung mit Ja oder Nein zu beantworten. Aber in weiten Teilen des Landes waren die Wähler bereits einem terrorähnlichen Druck, ausgesetzt gewesen. Trotzdem hatte die NSDAP die absolute Mehrheit nicht errungen. Indessen setzten die Steigbügelhalter des 30. Januar, Papen, Hugenberg und Seldte (um nur drei Namen zu nennen), ihr verblendetes und verantwortungsloses Spiel fort – oder vermochten schon nicht mehr, es aufzugeben – und hoben Hitler endgültig in den Sattel.

Wenige Tage nach diesen Wahlen traf ich mich mit einigen Freunden in Berlin. Die Straßen bei Tage, die Lokale und Hotelhallen bei Nacht wurden von Trupps randalierender SA-Männer abgegrast. Man munkelte von Verschleppungen und Ermordungen. Die Lage konnte in unseren Augen kaum schlimmer sein, und einer von uns meinte: „Wenn das so weitergeht, landen wir beim Faschismus!“ Wir ahnten noch nicht, daß der stumme Terror in seiner eisigen Ordnung weitaus entsetzlicher sein würde als das brutale Auftrumpfen.

Um sich den deprimierenden Eindrücken wenigstens auf einige Stunden zu entziehen, gingen wir am zweiten Abend in die, wie wir schon ahnten, letzte Reinhardt-Aufführung, den „Prinzen von Homburg“. Nie, so schien es uns, war die Titelrolle hinreißender gespielt worden als von dem jungen Horst Caspar. Nie waren die trotzigen Einwände, die der alte Kottwitz, bis an die Grenze der Rebellion gehend, dem Großen Kurfürsten entgegenhielt, bedeutungsschwerer als an jenem Abend. Nie war die einzige dichterische Selbstdarstellung des Preußentums erregender als in dieser Weltenstunde.

In der Pause bemerkten wir zu unserer Überraschung, daß ein Großteil des Publikums aus Juden bestand. Es waren nicht die Bankiers, die Arzt-Koryphäen oder Star-Anwälte, die als Mäzene soviel zum Glanz Berlins beigetragen hatten. Nein, das waren die stillen, fast unscheinbaren Gelehrten und Beamten, die den preußischen Staat schlechthin als den ihren betrachtet, ihm gedient und seit mehr als einem Jahrhundert die moralisch-puritanischen Seiten seines Charakters mitbestimmt hatten. Dieser preußische Staat hatte sie bis in den knappen, strengen Schnitt des Gesichts hinein geprägt.