Von Hans-Albert Walter

Es ist ein eigentümliches, allerdings leicht erklärbares Phänomen, daß wir uns in manchen fremdsprachigen Literaturen unseres Jahrhunderts besser auskennen als in unserer eigenen. Unserem literarischen Bewußtsein fehlt vielfach die Kontinuität, wie unseren Nachkriegsautoren oft die Verbindung zu ihren Vorgängern, zur Literatur ihrer Vätergeneration fehlt.

Die 1933 verbannten oder unter Lebensgefahr geflohenen Autoren haben sehr wohl gewußt, was sie im Hinblick auf ihren Nachruhm in Deutschland zu gewärtigen hatten. René Schickele notierte schon am 11. Dezember 1933 in sein Tagebuch: „Wenn es Goebbels gelingt, unsere Namen von den deutschen Tafeln zu löschen, sind wir tot. Gespenster in der Diaspora, in der wasserarmen Provinz. Schon die nächste Generation wird nichts mehr von uns wissen.“

In der Tat ist es ein zeitlich weit über das Bestehen des Dritten Reiches hinauswirkender Erfolg seiner Literaturpolitik, daß unzählige deutsche Schriftsteller dieses Jahrhunderts dem deutschen Lesepublikum weitgehend unbekannt sind. Das gilt mitunter auch für größte Namen wie Heinrich Mann oder Alfred Döblin. Ihr Werk ist im Grunde heute noch zu entdecken, und es besagt verhältnismäßig wenig, daß ihre wichtigsten Bücher wieder aufgelegt worden sind. Denn es geht hier nicht nur um die Präsentation, sondern auch um die Aufnahme dieser Dichter ins literarische Bewußtsein.

Immerhin ist es einigen deutschen Verlagen hoch anzurechnen, daß sie, bei mitunter erheblichem geschäftlichen Risiko, die Möglichkeit geben, solche versäumten Lektionen unserer Literatur nachzuholen. Das gilt auch für die Neuausgabe eines seit 1928 nicht mehr aufgelegten Buches von

Ernst Weiss: „Der Aristokrat“, Roman; Claassen Verlag, Hamburg; 232 S., 16,80 DM.

Beim ersten Erscheinen, damals im Verlag S. Fischer, trug es den Titel „Boetius von Orlamünde“, den Weiss freilich selbst für eine Buchgemeinschaftsausgabe in „Der Aristokrat“ abgeändert hat. Nach dem „Armen Verschwender“ (Claassen), dem „Georg Letham“ (Knaur-Taschenbuch) und dem nachgelassenen „Ich, der Augenzeuge“ (Kreisselmeier) ist dies der vierte seiner Romane, die wieder – oder überhaupt zum ersten Male – zugänglich sind.