Freitag, 2. Dezember, 22.15 Uhr, Erstes Programm: „Über Deutschland“ Dialoge von Richard Matthias Müller

An Gustav Noske mußte ich denken, als ich den Minister Wehner neben dem Minister Hassel sah, an Noske und die Herren von der Garde-Kavallerie-Schützendivision, an Ebert und an Hindenburg und auch an jenen Maurerpolier, Jahrgang neunundneunzig, den alten SPD-Kassierer und Antifaschisten aus Magdeburg, den Feind der Stalinisten aus Deutschland – ich dachte an ihn und malte mir aus, was in ihm vorgehen würde, wenn er die Tagesschau sähe, dieser Polier, der dabei war, als man Paul Levi begrub, der in Buchenwald saß und heute eine kümmerliche Zweizimmerwohnung besitzt, denn von der Partei will er nichts wissen, er ist verbittert, Hoffnungen hat er nicht mehr.

Diesen Mann also und seine Gedanken stellte ich mir vor, während ich die Minister ansah und die Worte Rainer Barzels vernahm, die da bedeuteten: „Es bleibt alles beim alten, die erfolgreiche Politik unserer Partei, Herr Dr. Kiesinger hat es gesagt, wird weiter fortgesetzt, die SPD kann ein paar neue Gedanken beisteuern.“

So also sieht es aus, man hat sich, soll der Betrachter den Verlautbarungen trauen, friedlich geeinigt, das Haus bleibt das gleiche, die neuen Mieter werden nicht stören, im Gegenteil, man erwartet von ihnen, daß sie das ihrige tun, um das morsche Gebälk abzustützen, die Risse zu kitten und die Ratten im Keller zu bitten, sich einen anderen Wohnort zu suchen.

Meditationen in der Nacht vom Freitag zum Samstag, Sorgen am Ende einer Woche des Händeschüttelns, Nickens und Beschwichtigens, wirklich, es bleibt keine andere Wahl, Gedanken, die mir kamen, als ich Carlo Schmids Aphorismen in Moll, die Sätze eines Resignierten, notierte: einst Vorsitzender im wichtigsten Ausschuß, heute, an der Schwelle des siebzigsten Jahrs, Herr eines Ministeriums und Duodez-Ressorts, das man abschaffen wollte...

Ich habe eine andere Frage: Warum baut man das neue Haus auf den finsteren Kellern des alten, heißt es in Richard Matthias Müllers Deutschland-Dialogen, die ein wahrhaft ingeniöser, mit Prophetengabe ausgestatteter Mann vor Monaten – so als habe er gewußt, was kommen würde – auf Freitag, den 2. Dezember, ansetzte.

Jedes Wort gewann plötzlich einen neuen, überraschenden Sinn, die Verzweiflung des Vaters, seine skeptische Einsicht, diese sokratische Haltung erschienen noch plausibler als vor eineinhalb Jahren, die Thesen des Sohns, Thesen der Lehrer und Politiker, Schlagworte wie Frieden und Freiheit, Schandmauer, Brüder und Schwestern hatten jetzt sanktionierten Communis-opinio-Klang (jeder wird bestraft, der noch an die Vergangenheit erinnert), Satz für Satz traf ins Schwarze, und der abschließende Kommentar von Johannes Gross, sehr gescheit und sehr problematisch, nahm dem Gespräch nichts von jener Brisanz, die darin lag, daß im Augenblick des großen Händeschüttelns die Frage der Moral als eine Frage des Gemeinwesens und das Problem des Gewissens als ein Problem der Realpolitik hingestellt wurde.