Nach dem „Volkskanzler“ ist der Bundesrepublik jetzt eine „Volksregierung“ beschert worden. Viele wackeren Bürger, die den harten Meinungs- und Parteienstreit, wie er in einer Demokratie üblich ist, immer als unnütz, wenn nicht gar als schädlich empfunden haben, können nun aufatmen und mit der Bild-Zeitung hoffen, daß die beiden großen Parteien „gemeinsam den Karren wieder aus dem Dreck ziehen“ werden.

Was früher die Parteien und die Politiker trennte, scheint angesichts dieser Aufgabe plötzlich unwichtig geworden zu sein. Die politische Vergangenheit ist, uno actu, mit der Regierungsbildung bewältigt. Ein ehemaliger Pg. regiert als Kanzler, ein zurückgekehrter Emigrant leitet das Außenministerium, und das Gesamtdeutsche Ministerium führt ein bekehrter Kommunist – und sie respektieren einander. Ein Abtrünniger der CDU, Gustav Heinemann, der aus Gewissensgründen das erste Kabinett Adenauer verließ, kommt als SPD-Justizminister zurück. Ins Kabinett zurück kehrt auch Franz Josef Strauß; die Hauptfigur der Spiegel-Affäre. Sein ehemaliges Opfer, Spiegel-Redakteur Conrad Ahlers, der damals in Malaga verhaftet wurde, geht wohl ins Bundespresseamt; und einer der Spiegel-Verteidiger, Professor Ehmke, ist zum Staatssekretär im Bundesjustizministerium vorgesehen.

Es sieht in der Tat so aus, als ob für das neue Kabinett das Wort (Friedrich) Schillers gelte: Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern. Populär ist diese Regierung vor allem deshalb, weil sie eine Grundsehnsucht des deutschen Bürgers erfüllt: die Sehnsucht nach ungeteilter Obrigkeit. In diesem Sinne ist sie eine Volksregierung.

R. Z.