Strauß im journalistischen Kreuzverhör – Aus einem Fernsehprotokoll

Die SPD hat die Große Koalition nicht an der Person des CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauß scheitern lassen, obwohl sich viele ihrer Mitglieder gegen seinen Eintritt in das Kabinett wehrten. Am Donnerstag voriger Woche, nach seiner Vereidigung zum Finanzminister, wurde Strauß im Zweiten Deutschen Fernsehen in der Sendung „Journalisten fragen – Politiker antworten“ noch einmal wegen seines Verhaltens in der „Spiegel“-Affäre ins „Kreuzverhör“ genommen:

Flach (Frankfurter Rundschau): Herr Minister Strauß, der Stellvertreter des Bundeskanzlers, Willy Brandt, hat vor wenigen Tagen im Deutschen Fernsehen erklärt, er erwarte, daß Sie persönlich eine Erklärung zu den Vorgängen von 1962, also der „Spiegel“-Affäre, vor der deutschen Öffentlichkeit abgeben. Haben Sie das überhaupt nötig?

Strauß: Ich bin jederzeit bereit, den objektiven Tatbestand, den Ablauf der Ereignisse und meinen Beitrag oder Nicht-Beitrag dazu in aller öffentlichkeit darzustellen.

Appel (Gesprächsleiter): Irgendwo, Herr Dr. Strauß, habe ich einmal eine Wahlrede von Ihnen übertragen gehört, gesehen im Fernsehen, da haben Sie gesagt: Jeder Mensch kann sich irren. Das stimmt doch?

Strauß: Das stimmt. Jeder Mensch kann sich irren – im politischen Bereich, im sachlichen Bereich –, ich habe auch noch mehr gesagt, wer von mir behauptet, ich hätte gelogen, das heißt in Kenntnis der Wahrheit die Unwahrheit gesagt, der lügt selber, wenn er seinerseits die wirkliche Wahrheit kennt... Aber man denkt nachher oft über Richtigkeit und Unrichtigkeit von Verhaltensweisen anders, als man unter dem Druck der Ereignisse im Zusammenhang mit den gesamten Umständen gedacht hat.

Appel: Ihr Name, Herr Dr. Strauß, ist im Zusammenhang mit diesem Zeitpunkt genannt mit dem „Spiegel“-Redakteur Conrad Ahlers. Seit gestern weiß man, daß Conrad Ahlers in diese Regierung eintreten soll. Was sagen Sie dazu?