Freistadt, im Dezember

Winterurlaub im späten Mittelalter: Da muß man ja nicht die Skier zu Hause lassen, nein, aber man sollte ein wenig Neigung zu Burgenromantik, Mondschein über dicken Türmen und Wattepolstern aus Schnee auf Dachsimsen mitbringen. Das sind allerdings Reisewünsche, die sich eher bei der älteren Generation finden, solcher Nonkonformisten gar, die noch etwas für Skiwanderungen übrig haben. Ihnen wird in den Wäldern um Freistadt in Österreich ein Reh über den Weg laufen, ein Häher krächzen und ein Tannenbaum ganz behutsam rieselnden Schnee ins Genick entleeren.

Winterurlaub in dieser Kleinstadt, umrauscht von Wäldern, voll Sanftmut, wenn es schneit, voll Heiterkeit bei klarem Himmel, in einer Granitlandschaft gelegen mit Bauernhöfen von standfestem Urgestein. Aus gewaltigen Naturquadern gebaut, deren Fugen durch Mörtel ausgefüllt sind, sehen diese aus wie riesige Doggen. Es ist die Landschaft Adalbert Stifters, des mit geläufigem Irrtum ins Biedermeier versetzten, doch so grundharten Dichters einer Zeit, die eben hier noch erhalten ist, und einer Schönheit, die im Abendrosenschein über die pastellenen Fassaden leuchtet.

Freistadt ist heute noch mit Zinnen und Gräben ausgestattet. Die Häuser innerhalb der Stadtmauer haben einen guten Teil ihres alten Wesens beibehalten. Noch sind die Geister früherer Jahrhunderte nicht ausgezogen, und wenn die Kirchenglocken die Stunde schlagen, ist das Märchen so vollständig, daß die Erinnerung an Hebbels Erzählung vom „Bergwerk von Falun“ wach wird: wie lange Jahrzehnte nach einer Bergwerkskatastrophe ein verschütteter Knappe wieder ans Licht kommt, dessen Züge jugendlich im Salz erhalten geblieben sind, während seine einstige Braut, die ihm ihr Leben lang treu geblieben ist, nun ein Wiedersehen mit dem Idol ihrer Mädchenzeit feiert. Sie sieht sich selbst in die vergangene Zeit zurückversetzt, an die zu glauben ihr das Leben abgewöhnt hatte. Ein wenig geht es uns jetzt ebenso in dieser Stadt aus einer Epoche, die es nicht mehr gibt, nicht mehr geben kann. Wir begegnen unserer geistigen Jugend – dem, was die Menschheit im Gespräch der Jahrhunderte gebildet hat.

Das also wäre die alte Stadt. Dieses im nördlichen Oberösterreich gelegene Städtchen hat eine für den Wintersport sehr wohl geeignete, unberufen aber noch nicht so bekannte Umgebung. Neben glattgebügelten Hängen gibt es Wiesen, Hügel und Schneisen, die von keiner Skispur durchzogen sind. Sie laden die Skiwanderer ein, die sich am Ende sogar mit Skifellen, sozusagen den Schneeketten der Skiläufer, ausgerüstet haben. Es bedarf ihrer nicht, aber sie machen den Aufstieg leichter und verleihen ihren Besitzern das Gefühl angenehmer Überlegenheit. Wer den Skilift bevorzugt, nimmt den Bus ins nahe, fast 1000 Meter hoch gelegene Sandl. Hier findet man auch Pferdeschlitten zu erschwinglichem Preis. In der Stadt Freistadt aber gibt es einen Eislaufplatz und die Alte Offiziersrodelbahn.

Der kleine Ort besitzt eine kunstgeschichtlich bedeutsame Kirche mit Netzgewölbe und ein mächtiges Schloß. Im Bergfried ist ein originelles Museum, in welchem man sich mühelos von Schauraum zu Schauraum nach oben turnt. Plötzlich steht man auf einer hohen Turmbalustrade und schaut auf „Grabendächer“, deren Blenden, von ebener Erde aus gesehen, ihre Struktur verborgen halten.

In der Burgkapelle findet man eine Sammlung Hinterglasmalereien. (In dem erwähntten Sandl bestand eine der letzten Werkstätten dieser sonderbaren Kunst.) Es ist ein heiteres, buntes, vorwiegend dem Heiligenleben gewidmetes Bilderarsenal. Nicht ohne Überraschung macht man sich klar, daß rings um Freistadt hochberühmte Kunststätten liegen, die eigentlich allein schon den Besuch der Stadt lohnen würden: St. Peter über der Stadt mit seiner eigenartigen Gotik, dann der weltberühmte Kefermarkter Altar, der nur Kennern bekannte Altar von Hochrauhenöd, die Kirche von Waldburg, das Schloß Waldenfels der Grafen Grundemann, der Kinskysche Rosenhof – es gibt viel zu sehen, wenn man sich nicht ausschließlich dem Wintersport widmen will. Leicht erreichbare Skiplätze mit namhaften Mittelgebirgsfahrten aber sind Kirchschlag und St. Oswald bei Aigen-Schlöhl (schönes Kloster) mit mehreren Liften.