Das Meer ist unerreichbar und zum Greifen nahe. Die Brandung grollt im zerfransten Felsenufer, schleudert Gischtfetzen wie Geifer über die Lavaklippen, wischt mit nassen Fingern über den schwarzen Sand. Teneriffa, größte der Kanarischen Inseln – man weiß das: Die Kanarienvögel kommen aus dem Harz, und an den Küsten von Teneriffa kann man wegen der wütenden Brandung nicht im Meer baden, jedenfalls nicht am Fuße des Bananentals von Orotava in der Hotelstadt Puerto de la Cruz, die Inselbesucher zu 75 Prozent in die Zimmerwaben und Swimming-pools ihres ewigen Sommers lockt.

Man weiß das und spürt doch Enttäuschung wie einen süßen bohrenden Schmerz. Da kommt man von so weit her zu dieser Insel im Atlantik und sieht das Meer endlich auch und hört es und riecht es, aber es kommen die Wasser all wie hinter Gittern. Das Meer ist mit einer Handbewegung aus der Wirklichkeit dieser Ferienwelt wie eine Belästigung entfernt. Doch es gibt Meerwasser in Swimming-pools und klirrende Eisstücke im Whiskyglas, Palmen und Pingpong, dazu Sommer im Winter und Christsterne in großen Büschen zu Weihnachten. Dies ist eine Welt wie ein Hollywoodfilm, unwirklich und sehr wirksam. Das sollte genügen. Denn wer hätte wohl erwartet, auf der Glückseligen Insel würde man schweben?

Puerto de la Cruz – das ist wieder einmal so ein Märchen aus Banknoten und Beton. Das war vor wenigen Jahren noch ein Zauberlehrling, ein Städtchen (12 000 Einwohner) kleiner Bananenpflanzer, Fischer und Weinbauern. Es gab einen Fischerhafen und Fischerkneipen, eine Grotte San Telmo, eine Festung San Felipe und ein paar Pensionen und Privatbetten für eine Handvoll Engländer zur Winterszeit. Und dann ging alles sehr schnell, und keiner weiß eigentlich recht, wie ihm geschah und wie es begann, wie Uferpromenade und Cafés die Bananenstauden zurückdrängten, wie die Quadratmeterpreise bis zu tausend Mark hochschnellten... Und schon ist Puerto de la Cruz eine Stadt aus Glas und Beton mit einem Dutzend Hotelhochhäuser und nebenbei ein Städtchen (16 000 Einwohner) mit Malerwinkeln und Nachtleben, den Schwimmbädern San Telmo und einem Touristenrestaurant in der Festung San Felipe (Terrasse mit Sonnenuntergangsblick), mit Souvenirständen, Omnibusausflügen und Reisebüros). Und das sollte auch genügen. Denn wer hätte schon erwartet, beim Anblick des Bananentals, wie Alexander von Humboldt (1799), in die Knie zu sinken?

Ach, ich glaub’s nicht, weder das eine noch das andere. Hätten denn die Leute von Puerto de la Cruz (mit viel deutschem Kapital) etwa nicht das Meer in erträglicher Dosierung zu sich hereinholen sollen, wo’s im eigenen Element doch so unwirsch war? Und hätten sie keine Wonneburgen bis zum Himmel auftürmen sollen, wo doch der Platz so knapp und so teuer war? Sie haben’s schon richtig gemacht. Die Winterurlauber kamen von Jahr zu Jahr ja auch in immer helleren Scharen in den Sommer am 28. Breitengrad: Vor sechs Jahren 4400 Deutsche, 4200 Engländer und 1700 Schweden; im vergangenen Jahr 17 300 Deutsche, 10 700 Engländer und 5200 Schweden; die Gesamtzahl der Besucher stieg von 16 000 auf 55 300. Schließlich konnte man mit dem billigsten Billett (Touropa) schon für 458 Mark kommen (14 Tage, Unterkunft mit Frühstück; ab Frankfurt), um sich an dem kostspieligen Hollywoodfilm, der seit Jahren mit so großem Erfolg in so vielen Kinos läuft, gleichsam von der letzten Reihe aus sattzusehen.

Auf dieser Insel der Seligen scheint im Jahr so fiele Stunden die Sonne wie ihre ältesten Drachenbäume (in Icod und La Laguna) an Jahren alt sind: Das sind 3000 Stunden und 3000 Jahre. Im Dezember blühen Tulpenbäume und Bougainvilleen, Mimosen und Oleander, Chinesische Rosen und Ginster. Ein Weltumsegler erzählte einmal, er habe seinen Spazierstock in die Lava-Erde gestoßen, und als er nach einem Jahr zurückkam, habe der Spazierstock geblüht. Der Blütenduft der Insel geht ins Blut wie der starke rote Wein im Krug mit zerschnittenen Birnen und Orangen, wie der heiße Wind, die Tänze und die Lieder.

Teneriffa ist aber auch ein Instrument für wüste Melodien. Man kann durch Wälder aus baumdicker Erika-Heide zum Pico del Teide hinaufsteigen, zu dem greisen Herrscher. Es heißt, die Frauen der Insel hätten, wie dieser Vulkan, Schnee im Antlitz und Feuer im Herzen. In der Schulterregion des Kraters ein erstarrter Spuk aus blauschwarzer und rostroter Lava, so als hätte der Weltenschöpfer nach getaner Arbeit die Werkstatt verlassen, ohne sie aufzuräumen. In den Steinorgeln stöhnt der Wind.

Doch die Gärten am Meer sind groß genug und blühen ohne Ende. Man kann in Dorfkneipen Muschelsuppe essen und Eintopf mit Fleisch von Rind, Schwein, Kalb, Wildkaninchen, Waldtaube und Rebhuhn, man kann Ringkämpfe und Hahnenkämpfe sehen, man kann in der sehr edlen, sehr loyalen, unbesiegten und sehr wohltätigen Stadt Santa Cruz de Tenerife in indischen Basaren feilschen oder auf dem Markt Unserer Lieben Mutter Gottes, der Schutzherrin Afrikas, Ananas und Advokatbirnen kaufen oder abends nur einfach bei einem Cuba libre (weißer Rum und Coca-Cola) auf der Plaza de España sitzen und dem Leben zuschauen... Das muß auch genügen. Denn wer hätte schon erwartet, den Traum von der Glückseligen Insel in 14 Tagen zu Ende zu träumen?