Mittwoch, 7. Dezember, 1. Programm:

„ALLE MEINE FORELLEN“,

1. Folge einer Serie von Martin Morlock

Fernsehautoren, und nicht allein sie, wissen sehr gut, daß die Fähigkeit der Distanzierung, jene schöne Gabe, relativieren und Bezüge herstellen zu können, nicht gerade ein markanter Zug der Bildschirmfreunde ist: Die Entschlossenheit, alles für bare Münze zu nehmen und sich zu identifizieren, wo immer es geht, kennt keine Grenzen, die heitere Kunst gewinnt den Charakter eines zweiten, höchst ernsten Lebens, die Grenzen zwischen Spiel und Wirklichkeit sind keine Grenzen mehr. (Wie konnte sie das nur tun, als Mutter? Ich hätte den Kerl ohrfeigen können. Meine Tochter dürfte das nicht. So hört man es Tag für Tag in der Bahn und beim Einkauf.)

Um so wichtiger also eine kleine Barriere, ein Widerhaken, ein Hinweis auf Spiel, Illusion und Spiegelwelt, um so wichtiger der Appell an die Kritik: Was ihr gesehen habt, das könnte auch ganz anders sein, versucht euch vorzustellen, wie das Stück verlaufen wäre, wenn der Autor das Ganze nicht aus der Sicht des Betrügers, sondern der Perspektive der Betrogenen dargestellt hätte.

Kein Wunder also, daß unter solchen Aspekten im Fernsehen immer dann Sternstunden sind, wenn eine Reihe von Betrachtern einen vorher gezeigten Film in höchst unterschiedlicher Art, zustimmend hier, dort bitter attackierend, bis ins Detail hinein analysiert. Dann plötzlich gewinnt der Betrachter Distanz, darauf wäre ich niemals gekommen, dann werden Grundelemente der Dialektik vorexerziert, und an die Stelle des Dösens, der schlichten Begeisterung und des Ingrimms tritt die distanzierende Kritik. (Sollte es nicht sogar möglich sein, daß eine Runde verständiger Männer allwöchentlich zu festgesetzter Stunde das Programm der letzten sieben Tage bespricht – ein Konsortium von Kennern, heute der und morgen der – das auf diese Weise so etwas wie eine bescheidene Seh-Hilfe gibt?)

Wie nützlich Selbstkritik, Parodie und Erhellung, im Fernsehen sein kann, zeigte der erste Teil von Martin Morlocks Sendereihe Familie Leitmüller (Teil 1: Alle meine Forellen) aufs schönste. Nach einem albernen Beginn – die Familie entschließt sich, ein deutsches Vorbild zu werden – gelang die (übrigens leicht zu bewerkstelligende) Strukturanalyse der Hofer-Hasselbach-et-Cie-Charaktere vortrefflich. Kein Thielen und Thadden, so wurde ersichtlich, könnte an deutschen Fernseh-Familienmitgliedern etwas aussetzen können: Frühaufsteher sind sie, wahre Lesebuchfiguren, aufgeschlossen für dasNeue, doch dem Alten treu, keine Beatles, sondern emsige Schüler, unaufgeklärt bis zur Prima, Fibel-Protagonisten, bei denen zu dienen für das Personal die wahre Wonne ist, Originale allesamt, die Letzten aus einer glücklichen Zeit, Feinde der Illustrierten-Idole, Charaktere, die (mag der Tierarzt auch einmal, das kommt schließlich überall vor, einen Ureter zerschneiden) den Schillerschen Kampf zwischen Pflicht und Neigung ausfechten – und dabei Fernsehbesitzer!

Schade um den läppischen Eingang, der manchen Schlichten zum Abschalten bewegt haben mag (cenn er mußte fürchten, hier trieben wieder einmal Intellektuelle ihr unverbindliches Spielchen), sciade aber auch, daß dieser Film erst nach zehn ausgestrahlt wurde. Keine Halbheiten bitte: Leitmüllers sollten die gleiche Sendezeit wie die Hofers, die Forellen-Leute und die hessischen Hasselbachs haben! Momos