Von Marcel Reich-Ranicki

Jener russische Schriftsteller, der in seiner Heimat lediglich als Verfasser weniger literarwissenschaftlicher Essays bekannt war, seine Hauptwerke hingegen, schon seit 1959, in Paris unter dem Pseudonym „Abram Terz“ erscheinen ließ und der sich Anfang 1966 vor einem Moskauer Tribunal wegen der in diesen Büchern angeblich enthaltenen antisowjetischen Propaganda und Agitation verantworten mußte, er, den das Gericht zu keinem Schuldbekenntnis nötigen konnte und den es schließlich, ungeachtet der erregten Proteste der literarischen Welt, zu sieben Jahren Zwangsarbeit verurteilt hat – Andrej Sinjawskij also wird von der Presse des Westens meist im strahlenden Licht einer weltlichen Aureole gezeigt.

Das ist verständlich, ja vielleicht sogar gerechtfertigt – und zugleich doch beunruhigend. Denn eine Aureole ist immer eine fragwürdige Beleuchtung: Sie blendet, statt zu erhellen. Nicht der Erkenntnis dient sie, sondern dem Glauben. Sie trägt zur Feierlichkeit bei, wo wir gerade der Nüchternheit bedürfen.

Indem die Aureole den Gegenstand der Betrachtung nicht klärt, sondern verklärt, begünstigt sie Deklarationen, Beteuerungen und Huldigungen. Und erschwert jene abwägende Sachlichkeit, auf die die Literaturkritik selbst dann nicht verzichten kann, wenn es um einen Autor geht, der bereit war, seine ganze Existenz aufs Spiel Zu setzen.

Mit anderen Worten: So gewiß wir allen Anlaß haben, die Haltung Andrej Sinjawskijs zu bewundern und uns vor diesem Mann tief zu verbeugen, so wenig dürfen wir der simplen und möglicherweise unangenehmen Frage ausweichen, was eigentlich seine Prosa taugt. Das Buch, das als sein originellstes und bedeutendstes gerühmt wird, ist jetzt deutsch erhältlich –

Abram Terz: „Ljubimow“, Roman, übersetzt von Lotte Stuart; Paul Zsolnay Verlag, Wien/Hamburg; 240 Seiten, 16,80 DM.

Wer von diesem Schriftsteller nur die (in der Bundesrepublik schon mehrfach gedruckte) Erzählung „Der Prozeß beginnt“ kennt und Weiß, daß in der ominösen Gerichtsverhandlung gegen Sinjawskij-Terz die Ankläger am häufigsten „Ljubimow“ zitiert haben, kann sich auf Überraschungen gefaßt machen.