Von Karl-Heinz Wocker London, im Dezember

Im November 1964 beging die Labour-Regierung die Unvorsichtigkeit, über die miserable Erbschaft der Tory-Finanzpolitik so laut zu klagen, daß auch jene Leute aufhorchten, für deren Ohren es gar nicht bestimmt war: die Börsenmakler in New York, Paris und Zürich. Dann erst kam die eigentliche Katastrophe für das Pfund. Jetzt, zwei Jahre später, besteht eine ähnliche Gefahr am Vorabend eines Rhodesien-Boykotts, in den die britisch-südafrikanischen Handelsbeziehungen verwickelt werden könnten.

London schwirrt von Gerüchten, düsteren Prophezeiungen und halbherzigen Prognosen. Überall erscheinen ausführliche Berechnungen, was die nächste Phase des Kampfes gegen das Smith-Regime kosten wird und wie sehr das Pfund darunter leiden muß. Es sollte einen nicht wundern, wenn die Umrechnungsjongleure an den Weltbörsen solches Gerede wieder für Tatsachen nehmen und ihre Vorkehrungen treffen.

Für diesen Freimut der Diskussion muß eine Demokratie oft härter zahlen als für ihre politischen Sünden. Was aber kann ein Sanktionsbeschluß des Weltsicherheitsrats gegen Rhodesien die Engländer wirklich kosten, je nachdem ob Südafrika mitbetroffen ist oder nicht? Was läßt sich abseits der Spekulation mit Sicherheit vorhersehen?

Mehrere Grundmuster dieser Blockade sind denkbar. Kommt sie ohne Einschluß eines Ölembargos zustande und findet sie auch nicht die Unterstützung aller UN-Mitgliedstaaten (zum Beispiel Südafrikas), so wird sie die rhodesische Wirtschaft weiter schädigen, ohne die Regierung in Salisbury politisch niederzuwerfen. Ist die Solidarität dagegen vollkommen, was große Anstrengungen in der Hilfe für das benachbarte Sambia voraussetzt (mit hohen Kosten für England), so sähe es im nächsten Herbst für Rhodesien bitter aus. Nach einer nur zu 40 Prozent verkauften Tabakernte von 1965/66 müßte es das Ende der Branche bedeuten, wenn sie die Ernte von 1966/67 nicht ausführen könnte. Tabak kann man zwar lange einlagern, aber die rhodesischen Farmer wollen Geld sehen. Bis jetzt garantiert die Regierung den Anbau; das würde sie sich dann überlegen. Die Zuckerernte 1966 wurde nur zu einem Drittel abgesetzt. Asbest, Chrom und Eisenerz, bis jetzt gut verkauft, würden künftig ebenfalls stagnieren.

Was die Engländer einkalkulieren müßten, wäre nicht viel mehr als die Kosten des bisherigen einseitigen Boykotts. Die britischen Exporte nach Rhodesien betrugen 1965 knapp 400 Millionen Mark, sie sind praktisch zum Stillstand gekommen. Hinzu kommt der Devisenverlust durch den Ankauf von Waren, die bisher Rhodesien lieferte, in dritten Ländern, die nicht dem Sterlingblock angehören. Virginia-Tabak wird vom nächsten Jahr an hoch auf der Liste rangieren. Er ist qualitativ besser, aber auch teurer als der rhodesische Tabak. Die meisten englischen Zigarettenraucher ahnen nicht, wie stark sie von der Rhodesienkrise noch betroffen werden können. Vielleicht ist die kuriose Kampagne des britischen Gesundheitsministers für das Nichtrauchen auch durch solche national-monetären Erwägungen bestimmt („Tabak gab ich für Devisen“).

Beteiligt sich jedoch Südafrika nicht an dem Boykott, vor allem dann, wenn in New York ein Ölembargo beschlossen wird, so sieht die Rechnung anders aus. Die Republik ist nach den USA, der Bundesrepublik und Australien Englands viertgrößter Handelspartner. Die britischen Exporte nach Südafrika belaufen sich auf rund drei Milliarden Mark. Eine weitere Milliarde fließt pro Jahr aus den hohen britischen Investitionen in Südafrika. Die Folgen eines Handelskrieges gegen Südafrika gingen weit über die fehlenden Apfelsinen unterm Weihnachtsbaum hinaus. Ein Markt von drei Milliarden ist nicht in ein paar Monaten zu ersetzen, Importe von ähnlicher Höhe in Nichtsterlingländem würden die Zahlungsbilanz Großbritanniens empfindlich treffen.