Der englische Sowjetspion George Blake, der im Mai 1961 zu 42 Jahren Zuchthaus verurteilt worden war und am 22. Oktober aus dem Londoner Wormwood-Scrubs-Gefängnis entkam, ist immer noch spurlos verschwunden. Die Spekulationen über sein Verbleiben nehmen kein Ende. Am meisten Aufsehen erregte Ende November ein britischer Journalist namens Michael Rand mit einem vom Spiegel veröffentlichten Fluchtbericht, der durch scheinbar profunde Detailkenntnis bestach. Rand behauptete, Blake sei von London über Frankfurt in die Tschechoslowakei geflohen und am 3. November nach Ostberlin weitergereicht worden.

„Offensichtlich erlogen“ nannte jetzt die Prager Volkszeitung diesen Report. Das Wochenblatt der deutschen Werktätigen in der CSSR veröffentlichte letzte Woche eine Art Gegendarstellung. Sie scheint nicht minder stichhaltig. Diese Stellungnahme – „auf den Spuren des Mr. Blake“ – ist auch deshalb aufschlußreich, weil wohl zum erstenmal in einem Land des Ostblocks die Flucht eines Agenten überhaupt erwähnt wird. Gerade in Spionageaffären schweigt man gern im sozialistischen Lager, wenn es um eigene Interessen geht.

Die Volkszeitung versucht in acht Punkten nachzuweisen, daß Blake auf seiner Flucht die CSSR nie berührt hat. Von zwei Angestellten des Hotels „Ohre“ in Sokolov (Falkenau) ließ sich das Blatt berichten, daß am 23. Oktober, sechs Uhr, niemand „weder mit noch ohne Personenauto“ angekommen sei.

Nach Angaben der Direktion des Prager Hotel „International“ ist es auch falsch, daß Blake und ein (bei Rand nicht näher bezeichneter) zweiter Engländer am Abend die einzigen Gäste in der Prominenten-Etage dieses Hotels waren: „Am 23. Oktober waren in dieser Etage 13 ordentlich angemeldete Gäste untergebracht.“

Die Behauptungen über die Begleitumstände von Blakes Weiterflug in die DDR ab Karlsbad widerlegte dem Blatt der dortige Flugplatzkommandant, Frantisek Bubnik: „Am 3. November konnten wir keinen Schnee von den Startpisten wegräumen, weil es vorher geregnet hatte. Der Flugbetrieb war ... wegen schlechtem Wetter eingestellt ...“

Außerdem behauptete die Volkszeitung, der entsprungene Doppelagent könne unmöglich ab Nürnberg einen „großen viertürigen Skoda“ benutzt haben. Diese großen Skodas seien „schon seit Jahren aus dem Verkehr gezogen“ (anscheinend als Behördenfahrzeuge). Die beiden böhmischen Orte Sokolov und Krasnice (Volkszeitung: „Krasnice gibt es nicht, gemeint ist offensichtlich Kraslice“) lägen auch nicht in einem Sperrgebiet. Tausende westdeutscher Touristen, die dort in jedem Jahr Verwandte besuchen, wüßten das besser als Rand.

Für die Volkszeitung waren diese „billigen Sensationen“ mit der Absicht, „die Beziehungen zwischen unserem Land und Großbritannien zu stören“ keine Überraschung mehr, nachdem die Londoner „Times“ gemeldet hatte, hinter dem Namen Rand perberge sich der auf die britische Staatsbürgerschaft wartende tschechische Emigrant Benno Weigl. Das sei „ein bei uns gut bekannter Hochstapler ..., der seinerzeit den Hradschin verkaufen wollte...“. Sein Bericht beweise nur, „daß die Emigranten, einschließlich jener im Freien Europa, die wirklichen Verhältnisse in der CSSR längst nicht mehr kennen.“

Die Zweifel an der Echtheit des Rand-Reports (den der Autor nicht belegen konnte, da er drei Briefe mit entsprechenden Informationen aus der ČSSR verbrannt haben will) sind mit der Darstellung der Volkszeitung bestärkt worden. Die Glaubwürdigkeit beider Berichte könnte indes nur Blake bestätigen. Doch über seinen Aufenthaltsort schweigt sich auch die „Volkszeitung“ aus.