Von Dietrich Strothmann

Die Szene glich keinem Tribunal, eher einem wohlstudierten Opernfestspiel. Viel äußeres Gepränge: der mit Gold und Plüsch verzierte Saal des Palacio de las Cortes, Die Statisterie: 400 Ständevertreter in prunkvollen, ordenübersäten Uniformen, strengen Soutanen, blauen Falangehemden und feierlichen Fräcken. Und der Hauptdarsteller: ein alter, kleiner Mann auf dem Thronsessel der Könige, gekleidet mit dem Militärrock eines Gran Capitain de Reyno, vor sich, neben einer Leselampe, ein 46 Seiten starkes Manuskript, das er den andächtig lauschenden Procuradores mit schleppender Fistelstimme vorlas.

Aufgeführt wurde in dem Madrider Palast die „Ley Orgániea des Estado“, Spaniens Verfassungsreform. Der Star des Festspiels war Francisco Franco y Bahamonde, Staatsoberhaupt, Regierungschef, Oberbefehlshaber der Armee „und von Gottes Gnaden Caudillo von Spanien“, mit 74 Jahren neben dem Portugiesen Salazar Westeuropas zweiter und Zweitältester Autokrat. Der Text, den er, dem ehrerbietigen Publikum kaum vernehmbar, vortrug, war sein politisches Testament, der späte Abgesang eines müde gewordenen Diktators.

Franco verzichtet auf das Regierungsamt, er bestimmt, das Spanien ein Königreich ist, entmachtet die Falange, die einzige zugelassene Partei, sichert den Nichtkatholiken Religionsfreiheit zu, gestattet dem Volk eine begrenzte Kritik an den Staatsgeschäften und lockert den Wahlmodus für das Parlament. Mit dieser Reform hat der Caudillo endgültig das Tor nach Europa aufgestoßen, das Spanien des 19. Jahrhunderts auf den Weg in das 20. Jahrhundert geführt. Liberalität mit Maßen, Demokratie in Dosen – dies ist die Devise eines Diktators, der an seinem Lebensabend steht.

Francisco Franco, der vor 27 Jahren sein Land unterwarf, mit der Bibel und der Pistole, posiert nun mit den Insignien des gütigen Landesvaters und Friedensfürsten: mit dem Palmenwedel in der Hand und dem Enkel auf den Knien. 1936 führte er Europas letzten Kreuzzug „zur Ehre Gottes“ an, jenen grausamen Cruzada. Drei Jahre später verließ er das Schlachtfeld seines gegenreformatorischen Bürgerkrieges als ein von der Armee gekrönter, von der Kirche gesalbter Herrscher über Leben und Tod. 1966 bereitet er sich darauf vor, von der Macht Abschied zu nehmen. Und das ist mehr, als nur ein ergötzliches Schauspiel: Spaniens Caudillo, der Schrecken und Furcht verbreitete, der mit dem Bajonett und der Zuchtrute regierte, der sich nur vor „Gott und der Geschichte“ verantwortlich fühlte – er wollte seiner „Mutter Spanien“ auch Frieden, Wohlstand und Sicherheit geben.

Frieden mitten im Zweiten Weltkrieg, als er Hitler und Mussolini trotzte, ihrem Drängen, an ihrer Seite zu kämpfen, widerstand. Hitler empörte sich damals über ihn: Lieber würde er sich drei bis vier Zähne ausziehen lassen, als noch einmal mit ihm zu verhandeln.

Wohlstand, indem er in den letzten zehn Jahren von den Amerikanern Geld nahm, mit den Franzosen Verträge schloß, mit den Sowjets Handel trieb und für das Millionenheer der Touristen ein „europäisches Kalifornien“ einrichtete. Spaniens Assoziierung an den Gemeinsamen Markt ist heute nur noch eine Frage der Zeit.