Die vielversprechende Aufwärtsbewegung der deutschen Aktienkurse fand in der Vorwoche ihren vorläufigen Abschluß. Anlaß für die plötzliche Ernüchterung war die entmutigende Feststellung, daß der Bundestag offensichtlich nicht geneigt ist, die Regierung hinsichtlich ihres Sparprogramms in allen Punkten zu unterstützen. In Kreisen der Wertpapierkäufer zog man daraus den Schluß, daß sich die Mehrheit der Parlamentarier immer noch nicht klar gemacht hat, wie ernst es um die Staatsfinanzen und um unsere weitere wirtschaftliche Entwicklung stellt. Es wird befürchtet, daß sich die Bundestagsabgeordneten eher zu weiteren Steuererhöhungen als zum Maßhalten in der Bewilligung weiterer Sozialausgaben und zum Abbau unnötiger Subventionen durchringen werden.

Unter diesen Umständen wurden Zweifel laut, ob es der Bundesregierung gelingen wird, schon in nächster Zeit ein wünschenswertes Wachstum der Wirtschaft wiederherzustellen. Mit einer Politik, des leichten Geldes allein kann man die Unternehmer schwerlich zu neuen Investitionen anregen. Es ist deshalb durchaus verständlich, wenn die Anleger das Risiko der Aktienanlage mieden und den festverzinslichen Papieren den Vorzug gaben, deren Kurse heute kaum noch ein Risiko in sich bergen.

Die Renten erlebten eine in den letzten Jahren nicht gekannte Hausse-Bewegung, begünstigt durch einen künstlich knapp gehaltenen Markt. Wenn es auch hier inzwischen wieder zu einer Beruhigung kam, so lag dies an den inzwischen bekanntgewordenen Emissionsplänen, die den größten Teil der zum Zinstermin am 1. Januar 1967 freiwerdenden Mittel rasch absorbieren dürfte. Ob die Anlagefreudigkeit danach ausreichen wird, um die Zinssenkung weiter voranzutreiben, läßt sich nicht übersehen. Die Kapitalsammelstellen scheinen sich darauf einzustellen, daß der siebenprozentige Typ noch für mehrere Monate vorherrschend bleibt.

Das breite Publikum, das erstmals wieder Vertrauen in die Aktienanlage zu fassen begann, wurde durch die Nachricht von der bevorstehenden Kurzarbeit des Volkswagenwerks schockiert. Soweit es von den Banken zum Bezug junger VW-Aktien über den Erwerb von Bezugsrechten animiert worden war, mußte es wenige Tage danach feststellen, daß es bei einiger Geduld später hätte sehr viel preiswerter kaufen können. Einen Trost gibt es wenigstens Den Interessenten für junge Siemens-Aktien war es vor ihnen nicht besser ergangen, Die zweimalige Enttäuschung wird sich – wenn bis dahin kein grundlegender Börsenwandel eintritt – im Januar bei der Placierung der jungen Bayer-Aktien bemerkbar machen. Bayer-Aktien sind alles andere als Mangelware. Dafür haben allein schon die Amerikaner gesorgt, die bis in die letzten Tage hinein diese Papiere, die sie einstmals mit großer Begeisterung zu hohen Kursen erworben hatten, auf den deutschen Markt warfen.

Der Besitz deutscher Aktien gilt in gewissen Auslandsreisen offenbar als ein Risiko, das man tunlichst meiden sollte. Anders ist die Feststellung der Investors Overseas Services, Genfer Vertriebsgesellschaft für eigene (nichtamerikanische) Fonds kaum zu deuten, die mit Befriedigung konstatiert, daß nach dem Verkauf von Lufthansa-Aktien im dritten Quartal 1966 keine deutschen Aktien mehr im International Investment Trust (IIT) enthalten sind.

Lufthansa-Aktien sind in der Tat ein besonderes Problem. Wahrscheinlich werden sie für 1966 erstmals eine Dividende bringen. Ob ihre Höhe allein schon einen Kurs von rund 170 Prozent rechtfertigt, ist heute nicht abschätzbar. Zweifellos wird die Deutsche Lufthansa einen guten Abschluß vorlegen. Sie muß erhebliche Mittel für ihre bevorstehenden Investitionen ansammeln, die jedoch allein kaum ausreichen werden. Eine neue Kapitalerhöhung wird in absehbarer Zeit unabdingbar werden. Dafür jetzt durch vernünftige Dividenden die Voraussetzung zu schaffen, ist eine der Aufgaben, die sich die Verwaltung stellen muß. K. W.