Eine Kunstform, die bei unseren Autoren in Vergessenheit geraten ist

Von Carola Stern

Das Andenken merkwürdiger Menschen ... regt von Zeit zu Zeit den Geist der Betrachtung auf." Mit diesem Satz beginnt Goethes biographischer Essay über Winckelmann. So hübsch und einleuchtend das auch klingt – mir scheint, hierzulande stimmt das nicht mehr. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, vermag, das "Andenken merkwürdiger Menschen" unsere Schriftsteller und Historiker kaum noch in jenen "Erregungszustand" zu versetzen, in dem der Plan entstehen mag, ein fremdes Leben zu beschreiben. Wenn ich recht sehe, werden in Deutschland nur noch selten Biographien geschrieben. Die Kunst der Biographie verfällt!

Man mag noch hinnehmen, daß sich Literaturwissenschaftler und Kritiker mit dieser literarischen Provinz überhaupt nicht oder nur beiläufig beschäftigen. Das war auch früher meistens so; das ist in anderen Ländern nicht viel besser. In den vergangenen zehn Jahren sind in der gesamten englischsprachigen Literatur lediglich vier Bücher erschienen, die sich mit der Geschichte und Kunst der Biographie beschäftigen; im deutschen Sprachraum sieht es noch schlechter aus. 1948 erschien in der Sammlung Dalp Jan Romeins "Die Biographie". Der Autor ist Holländer. Suhrkamp hat 1958 Harold Nicolsons Essay über die "Kunst der Biographie" herausgegeben. Andere seit 1945 erschienene Bücher in deutscher Sprache sind mir zu diesem Thema nicht bekannt. Einen Theoretiker der Biographie scheint es bei uns nicht zu geben.

Wer regelmäßig das "Börsenblatt für den deutschen Buchhandel" durchblättert, wird feststellen, daß zwar jährlich eine Menge Lebensbeschreibungen auf den Markt kommen, doch neun von zehn Autoren sind Ausländer. Ausländer und Emigranten, hauptsächlich Engländer und Amerikaner, sind es auch, die seit 1945 viele jener Biographien verfaßt haben, von denen man eigentlich hätte erwarten können, daß sie im Wirkungsbereich der "Helden" geschrieben worden wären. Eine umfangreiche Luxemburg-Biographie mit vielem neuen Material kommt 1967 als Übersetzung aus dem Englischen nach. Deutschland. Peter Nettl, Professor in Leeds, hat sie geschrieben. Vielleicht verhelfen Autoren aus anderen Ländern uns auch noch zu einer großen Bebel-Biographie; die eigenen Genossen, die Landsleute dieses bedeutenden Führers der deutschen Arbeiterbewegung, werden, so steht zu befürchten, auch zu seinem 150. Geburtstag noch nicht soweit sein. Eine Biographie Kurt Schumachers hat kürzlich der amerikanische Professor Lewis Edinger vorgelegt.

Nun haben allerdings die Anhänger des demokratischen Sozialismus in Deutschland, und zwar teilweise aus verständlichen Gründen (die Zunft der Historiker, blieb ihnen bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges gänzlich oder fast verschlossen), immer nur selten die biographische Form gewählt, um das Andenken an ihre bedeutendsten Repräsentanten zu erhalten. Sieht es bei anderen vielleicht besser aus? Eine großartige Erzberger-Biographie stammt von dem amerikanischen Historiker Klaus Epstein. Die Hitler-Biographie von Alan Bullock gilt nach wie vor als Standardwerk. Die Engländer Fraenkel/Manvell schrieben über Goebbels, Göring, Himmler. Gewiß, es gibt Ritters Goerdeler-, Heibers Goebbels-Buch, doch im großen und ganzen gesehen zeigen Autoren außerhalb der Bundesrepublik mehr Interesse an Lebensbeschreibungen unserer "positiven" und "negativen Helden" als Schriftsteller, Historiker und Politologen hierzulande. In Deutschland blüht die Autobiographie, nicht aber die Biographie.

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