Als Professor Schiller zwei Stunden nach seiner Vereidigung als Bundeswirtschaftsminister in seinem neuen Amtssitz vorfuhr, erwartete ihn dort bereits sein zukünftiger parlamentarischer Staatssekretär. Schiller hatte Klaus-Dieter Arndt herbeirufen lassen, um ihn gleich bei der Amtsübergabe seinem Amtsvorgänger Schmücker und den leitenden Beamten des Hauses vorzustellen.

Der 39jährige SPD-Abgeordnete Arndt konnte so als erster von den sieben angekündigten parlamentarischen Staatssekretären der Bundesregierung seinen neuen Aufgabenbereich besichtigen. Er tat ein übriges, er blieb gleich da. Seit dem 2. Dezember arbeitet er praktisch als Junior-Minister Tür an Tür mit Schiller zusammen. Arndt sitzt im Zimmer des bisherigen Staatssekretärs Langers, der Schmücker ins Schatzministerium begleitete. Er fehlt selten bei den Unterredungen, die der Bundeswirtschaftsminister mit maßgeblichen Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Verwaltung führt.

Wenn. Arndt von seinem Platz am Schreibtisch aus dem Fenster schaut, blickt er auf den Finkenhof, eine der neuen Beamtensiedlungen im Bonner Raum, die nahezu fertig ist. Die letzten Ausbauarbeiten sind im Gange, dann wird man dort nicht mehr den Lärm der Baumaschinen vernehmen, der auch vor dem Raum des Staatssekretärs nicht haltmachte. Ruhe kehrt jetzt ein. So angenehm diese Ruhe dem neuen Mann im Ministerflügel des Wirtschaftsressorts sein mag, sie bedrückt ihn zugleich; denn dieses Bild sieht er als symptomatisch für die wirtschaftliche Lage der Bundesrepublik an. Er denkt an die „Wachstumsverluste“, die Deutschlands Wirtschaft in diesem Jahr erlitt. Er möchte so schnell wie möglich die Konjunktur beleben.

Das Rezept hält er schon parat: „Man muß die Produktion mit der Nachfrage locken, ähnlich den Zeiten des Wiederaufbaus nach der Währungsreform.“ Er will diese Nachfrage nicht nach und nach durch allmähliche Lockerung der Kreditrestriktionen schaffen, sondern möglichst umfassend und auf einen Schlag. Gefragt, ob er es dann auch für notwendig halte, ebenso massiv zu bremsen, sobald der Aufschwung einsetze, antwortet er freimütig, das sei doch selbstverständlich. Überspitzt formuliert könnte man sagen, daß unmittelbar nach dem konjunkturellen Höhepunkt, bei den ersten Anzeichen der Beruhigung, schon wieder Gas gegeben werden müsse, und unmittelbar nach dem Tiefpunkt der Flaute die Betätigung des Bremshebels zweckdienlich sei.

Damit bekennt sich Arndt zu den Thesen, die das deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin seit langem vertritt. Er ist in diesem Institut seit 1959 Leiter der Abteilung für volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. In den Vierteljahresheften zur Wirtschaftsforschung, die das Institut herausgibt, findet man immer wieder seinen Namen. Es macht ihm offensichtlich Freude, nun in die politische Praxis zu transferieren, was er bisher in Zahlen und begleitenden Empfehlungen festhielt.

Sein Werdegang scheint seinen Optimismus zu rechtfertigen. Er ist ein Selfmademan, mit verbindlichen Umgangsformen, ein lebendiger Gesprächspartner und ein Wirtschaftswissenschaftler mit politischen Ambitionen.

Als Arndt 1947 mit zwanzig Jahren in Berlin seine Reifeprüfung bestand, gehörte er bereits der Sozialdemokratischen Partei an. Als Angehöriger des Jahrgangs 1927 war er in den letzten Kriegsjahren von der Schulbank weggeholt und als Luftwaffenhelfer, Arbeitsdienstler und Infanterist eingesetzt worden. Das Kriegserlebnis und die politischen Auseinandersetzungen in der alten Reichshauptstadt führten ihn 1946 zur Sozialdemokratie.