Eine Dramaturgie in drei Beispielen: Tennis, Stierkampf, Fußball

Von Alex Natan

Theater und Sport sind einmal innerhalb des Kulturerlebnisses der westlichen Welt Fazetten des gleichen Rituals gewesen, das an den Ufern des Mittelmeeres heimisch war. Daran mußte ich denken, als ich diesen Satz von Albert Camus las: „Ich lernte meine Moral auf dem Fußballplatz und im Theater.“ Der vermeintliche Widerspruch dieser Aussage war eigentlich zu offensichtlich, um für bare Münze genommen zu werden. Dann las ich Mary Renaults neuesten Roman „The Mask of Apollo“ (Longmans), einer einfallsreichen Neuschöpfung hellenischen Theaterlebens. Camus hatte mit seiner Feststellung recht. Man rufe sich nur einige große und tragische Augenblicke aus unvergeßlichen Fußballspielen in die Erinnerung, die sich unabhängig von externen Faktoren, wie etwa dem Druck nationalen Prestiges, abgespielt haben. Im englischen Pokalfinale von 1966 hatte ein Spieler aus Sheffield einen Kardinalfehler begangen, den hunderttausend Menschen in Wembley und weitere Millionen im Fernsehen genau sahen. Everton war dadurch Pokalsieger geworden. In der Erinnerung blieb die theatralische Reaktion jenes Spielers haften. Vor aller Öffentlichkeit hatte er sich auf den Rasen geworfen und sein Gesicht in die dreckigen Schollen gebettet, ähnlich dem athenischen Protagonisten, der sich im Theater vor Schmerz oder Leidenschaft die Stirn seiner Maske verzweifelt schlug.

Dabei bleibt es merkwürdig, wie wenig Beachtung das avantgardistische Drama von heute den Ereignissen schenkt, die sich in der Sportwelt abspielen. Artaud mag den unverständlichen Begriff vom „affektiven Athletizismus“ geprägt haben und Beckett mag sich seiner Leistungen im Kricket rühmen; in ihren Werken spürt man von diesen Erlebnissen nichts.

Diese Unterlassungssünde scheint in Zeiten überraschend, in der sich mehr Drama im Wettkampfsport als auf der Bühne abspielt. Die sinkenden Ziffern der Theaterbesucher sollten eigentlich einmal probeweise zu einem Austausch anreizen.

Warum ist bisher nur selten eine Analyse der Berührungspunkte von Theater und Sport in ihrer Abhängigkeit von Publikum und Akteuren versucht worden? Warum blickt der Künstler auf den Gladiator als eine Art von Paria herab? In England läßt sich diese Dichotomie aus dem sozial-snobistischen Gegensatz erklären, der im Internat und später in Oxbridge zwischen den Intellektuellen und den Athleten klaffte und zum archetypischen Thema vieler Romane und persönlicher Denkwürdigkeiten geworden ist. Die angeblich so charakterformenden Mannschaftsspiele wurden für so manchen sensitiven jungen Menschen zum Nachtalp und waren sicherlich nicht jener ästhetischen Blässe förderlich, wie sie die Jahrhundertwende mit dem Künstler selbst identifizierte. Wer den englischen Film „This Sporting Life“ („Bitterer Lorbeer“) gesehen hat, vermochte sofort die soziale Herkunft des Regisseurs zu erraten, der seine Kamera unter den Stürmern einer professionalen Rugbymannschaft Schüsse aufnehmen ließ, die eher auf einen lyrischen Dichter als auf einen roh fluchenden Schwerarbeiter schließen ließen.

Stierkampf dernier cri“