Wettersatelliten, die den Erdball umkreisen, führen ihre Messungen automatisch aus, funken selbständig ihre Ergebnisse zu den Bodenstationen; Kontrollgeräte überwachen den Fertigungsprozeß in der automatischen Fabrik; Kranke schlucken kleine Metallkapseln, die den Druck, die Temperatur und den Säuregehalt im Magen messen und diese Meßergebnisse per Funk dem Arzt mitteilen; Computer lösen mathematische und logische Aufgaben – wir staunen über diese elektronischen Apparate, die sehen, hören und fühlen können, die sogar zu denken scheinen und die Ergebnisse ihrer Wahrnehmungen mitteilen. Manch einer möchte aber nicht nur staunen, er würde gerne verstehen lernen, wie solche Geräte funktionieren. Kann man dies lernen? Gibt es einen einfachen Weg, der den Wißbegierigen jedenfalls an die Grundlagen der Elektronik heranführt?

Gewiß, es gibt eine Fülle von Lehrbüchern, Sachbüchern und Anleitungen zum Experimentieren mit elektronischen Schaltelementen – was der einfachste und zugleich ein unterhaltsamer Weg zum Verständnis ist. Und es gibt seit einiger Zeit auch eine Anzahl von kleinen elektronischen Laboratorien, die Experimentier-Baukästen, die für jugendliche Bastler eingerichtet, bei vielen Erwachsenen aber nicht minder beliebt sind. Eine Neuerscheinung auf diesem Gebiet ist der Baukasten „Egger Lectron“.

Neu ist an diesem Experimentiersystem, daß sich die Versuche wirklich spielend leicht ausführen lassen ohne Schrauben, Klemmen oder Verdrahtung, die einem das Experimentieren so oft verleiden. In wenigen Minuten kann man einen Verstärker, einen Schallpegelmesser, eine Einbrecher-Warnanlage, eine Lichtschranke oder ein Radio zusammenbauen. Selbst wer manuell hoffnungslos unbegabt ist, vermag dies zu tun.

Der Trick: Die einzelnen Schaltelemente, die Widerstände, Kondensatoren, Photozellen, Transistoren, Drosseln, Dioden und all die vielen anderen Einzelteile sind in Kunststoffblöcke eingebettet, die mit Magneten an der Grundplatte und aneinander haften. Da das Gehäuse dieser Bausteine durchsichtig ist, kann man die darin enthaltenen Einzelteile sehen, und auf der weißen – undurchsichtigen – Deckplatte ist das dem Schaltelement entsprechende Symbol eingezeichnet. Die Teile werden, je nach, der elektronischen Schaltung, die man erproben will, wie beim Domino-Spiel einfach aneinander gelegt.

Man lernt, wie Licht, Wärme, Schall gemessen, wie diese die Funktion anderer Apparate, etwa eines Blinkgerätes, steuern können, wie ein Transistor die elektrische Spannung verstärkt, wie Wechselströme gleichgerichtet, Frequenzen erzeugt, Spannungen konstant gehalten werden, wie ein Radio, ein Schallplattenverstärker, ein Feuchtigkeitsanzeiger arbeitet, was ein Spannungsteiler, ein Schmitt-Trigger, ein astabiler Multivibrator ist. Die Elemente der Elektronik, die Eigenschaften von Widerständen, Kondensatoren, Induktivitäten, die Arbeitsweise der Relaissteuerung und viele andere interessante Dinge lassen sich mit den Bausteinschaltungen ergründen.

Zwei Dinge nur habe ich zu bemängeln: Der Grundkasten allein bietet nicht genug Experimentiermöglichkeiten, man sollte deshalb gleich mit Super-Lectron, der Kombination von Grundkasten und Aufbaukasten, beginnen. Außerdem müßte das Experimentieranleitungsbuch ausführlicher sein. Gewiß, man möchte den Anfänger in der Elektronik nicht mit zuviel Theorie belasten, aber angebracht wäre jedenfalls ein Anhang, in dem zum Beispiel erklärt würde, was in einem Transistor geschieht, wie das – übrigens sehr gute – Drehspul-Meßinstrument funktioniert; und da gerade dieser Experimentierkasten es so leicht macht, Messungen auszuführen, hätte man auf die Demonstrationen etwa des Ohmschen Gesetzes oder der Gesetze, die Parallel- und Reihenschaltungen von Widerständen und Kondensatoren beherrschen, nicht verzichten dürfen.

Es ist auch nicht einzusehen, warum nicht die Schaltung eines kleinen Rundfunksenders, den man ohne Schwierigkeiten mit den vorhandenen Teilen herstellen kann, angegeben wurde. Schließlich ist die Erzeugung von Radiowellen ein wichtiges Gebiet der Elektronik, ganz abgesehen davon, daß das Senden viel Spaß macht, auch wenn man das „Programm“ nur im Nebenzimmer empfangen kann. Der Bau einer „Flip-Flop-Schaltung“, des Grundelements der elektronischen Datenverarbeitung, wäre im Rahmen dieses Experimentierkastens sicher auch möglich.

Der Preis dieses Spielzeugs für Zehn- bis Siebzigjährige ist gewiß hoch; gemessen an der Fülle und der Qualität des Materials aber ist er erstaunlich niedrig. Und wenn der Hersteller sein Versprechen hält, diese schönen Laboratorien durch neue Zusatzkästen auszubauen, dann dürfte Lectron nicht nur im Kinderzimmer, in Vaters Bastelecke und in den Gymnasien, sondern auch in den Fach- und Hochschulen zu einem idealen Lehrmittel werden. Thomas von Randow