Es ist wahr, dieser da auf dem Teppich, in der holzgetäfelten Ecke, ist mein erster Hund nicht. Sattbraun sind seine Augen, meine hellblau. Wir sehen uns an, und zwar, kein Zweifel, mit Sympathie. Sechs Jahre zählt er, ein aufmerksamer und gepflegter Rüde, im besten Alter. Seine Augen, obwohl nur schmal geöffnet, beobachten mich, warten genau auf eine Bewegung, einen Laut von mir, irgend etwas, was ihn meinen könnte, Lob oder Befehl. Aber ich schreibe. Ich bin zufrieden mit ihm, meinem Hund, er mit mir, nichts fehlt uns. Daß er Haferflocken liebt, mit gehackter Leber, ich weiß es, sechsmal in der Woche reiche ich ihm beides. Nur sonntags lege ich in Würfel geschnittenes Steak vor, mit Gemüsebeilagen. Nicht, daß er solche Abwechslung wirklich schätzte, aber er soll die Feiertage achten wie ich, und er tut es, frißt auch sonntags die Schüssel leer, putzt feierlich noch den Rand frei und sieht nachher mit dem gleichen sattbraunen Vertrauen zu mir auf wie in der Woche. Unsere Zufriedenheit miteinander ist ungetrübt.

Doch mein erster Hund, wie gesagt, ist dieser Rüde nicht, genau genommen der dritte. Ein zweiter nämlich lag eines Nachmittags im Nachkrieg genau dort, wo jetzt er liegt, wo damals der Teppich noch fehlte, vor der holzgetäfelten Wand. Ja, ich erkannte ihn gleich, drehte probeweise Radiomusik an, Melodie zum Feierabend, und schon stand er auf allen Vieren, hob den Kopf und heulte zum Deckenlüster hinauf. Ich hätte es mir denken können. Er nämlich, dieser zweite, gespenstige Hund, sah meinem ersten ähnlich wie dieser sich selbst. Ich drehte also die Radiomusik ab, saß regungslos und blickte nur in die holzgetäfelte Ecke, wo er sich wieder niedergelassen hatte, den schwarzen Kopf zwischen weißgefleckte Pfoten geschoben, blickte eine nicht mehr nachzählbare Weile, erhob mich dann und ging vorsichtig auf diese Ecke zu. Da gelang es mir, diese Ecke tatsächlich, obwohl der Hund doch eben noch da gelegen hatte, zu durchschreiten, ohne ihn zu berühren. Ich wendete mich um: Er lag nicht mehr da.

Ein Glücksfall, könnte man sagen, sagte ich mir auch. Fragte sich nur: Warum war dieser zweite Hund, mit dem Aussehen meines ersten, nach dem Tode des ersten überhaupt aufgetaucht? Und zwar ohne einen für mich erkennbaren Anlaß eines Nachmittags im Nachkrieg in diesem schon damals dämmerigen Zimmer, das nur in dieser Fensterecke hier am Schreibtisch von Sonnenlicht ein wenig erwärmt und erhellt war, lag dort gefleckt im Schatten vor holzgetäfelter Wand auf nacktem Parkett, weil damals der Teppich noch fehlte, ich habe es eben beschrieben. Und ich ging nicht etwa den alten Futternapf holen oder die Leine, ich ging auf ihn zu, schritt durch ihn hindurch, wie beschrieben. Er war tatsächlich nicht mehr da. Ein Glücksfall. Trotzdem behielt ich ihn im Auge, ich meine die Ecke, wo er eben noch gelegen hatte, oder besser, gelegen, sich erhoben, dann geheult und wieder gelegen zu haben schien. Diesen ganzen Nachmittag im Nachkrieg, suchte ich ihn also dort drüben, genauer, die Erinnerung an ihn, den Schatten von ihm, der wiederum als zweiter Hund den Schatten des ersten dargestellt oder vorgetäuscht hatte, und langsam schmolz auf meinem Schreibtisch die nachmittägliche Sonne weg. Doch die Leere hielt sich in dieser Ecke, in der Dämmerung, in der Nacht, und auch am Morgen, war wieder nichts als nur das matt gebohnerte Parkett zu sehen. Da war es Zeit, sagte ich mir, da mußte ein zweiter Hund her, oder, wenn man so will, ein dritter, nur dieser neue würde den Schatten des ersten in die Luft zurückdrängen, unbelastet durch Erinnerung an einen ersten Hund, anders als ich. Nur, dieser neue müßte von anderer Rasse sein als der erste Hund – Rasse verbrüdert so leicht, es werden da Rücksichten geübt –, doch genaugenommen, gehörte der erste, mein Kriegshund, mit Spitzenschnauze, Spanielschwanz, Colliefell, glatthaarigen Terrierbeinen gar keiner erkennbaren Rasse an. Es genügte also, reinrassig zu kaufen, eben diesen, der jetzt noch sechsjährig mit schmalen Augen dort drüben ruht, beziehungsweise durchaus wacht, und neben ihm, der nichts weiß davon, ist die Erscheinung des ersten Hundes nicht mehr aufgetaucht, leibhaftig jedenfalls nicht. Denn einen Rest von Unruhe hat dieser aufmerksame, mutige Rüde mir doch ins Haus gebracht. Schließlich erinnert er mich immer noch an das Gespenst, an den zweiten Hund, an dessen Stelle er da ruht und damit fast schon wieder der erste ist, obwohl so reinrassig und unverwechselbar, auch durch seine Vorliebe für Haferflocken mit gehackter Leber, seine Geduld bei leichter Radiomusik, schließlich durch seinen Namen. Er heißt Leo. Auf „Levi“, wie der erste, der Kriegshund hieß, würde dieser nicht hören. Das heißt, versucht habe ich das nicht. Der Name Levi ist, seit Levis Tod, in diesem Hause nie ausgerufen worden.

Levi also hieß mein erster Hund, genau genommen gar nicht mein Hund, und Levi hieß er nur vermutlich, stand am dritten Abend hier in dieser, mir März dreiundvierzig zugewiesenen Parterrewohnung in Gütersloh, niemand wollte ihn eingelassen haben, es hatte auch niemand außer mir Schlüssel, soweit ich wußte. Trotzdem erschreckte er mich dort, als schwarzer, fast unbewegter Fleck, auf der Schwelle zwischen Wohn- und Schlafzimmer, sah mich dann Licht machen, da erkannte ich ihn deutlich, mager und schwarz, die gelben Zähne halb entblößt, obwohl er doch hinten mit dem Schweif gegen den Türrahmen pinselte, ein demütiges Zeichen, fast ein Lächeln in die Luft schrieb. Und als ich vorsichtig nähertrat, verschwanden tatsächlich die Zähne, der Schweif fiel, auf allen Vieren und Bauch schob er sich mir entgegen, legte den kleinen, unedlen Kopf demütig aufwartend zwischen meine Schuhspitzen. Da sagte ich, ja, was eigentlich, etwas im Sinne von: Kommkomm, nicht kuschen, sagte ich. Ich mag dieses Kuschen nicht, nicht einmal bei Hunden. Tatsächlich raffte sich der Hund hoch, hockte jetzt auf den Hinterläufen. Während er den Kopf noch gesenkt hielt, besah ich sein Halsband, entdeckte die Steuermarke und ein Messingplättchen mit Sütterlinschrift, den Namen Levi. Den Besitzer- oder den Hundenamen? Der Hund wurde dadurch nicht geheurer. Loslos, sagte ich etwa, stupfte ihm die Schuhspitzen gegen die Hinterläufe. Ich wollte nur sehen, ob er nicht freiwillig den Weg zurück zur Wohnungstür einschlagen würde. Doch er stand plötzlich mager und starr auf seinen vier Beinen, fletschte wieder den gelben Zahnschmelz und hörte damit erst auf, als ich ihn zum erstenmal rief, und zwar: Levi!

Ein Fehler vermutlich, eine Vertraulichkeit, die er ganz selbstverständlich und befriedigt hinnahm, denn jetzt schritt er, ohne mich weiter zu beachten, die Vierecke der beiden Zimmer aus, blieb hier und da mit nachdenklicher Nase vor einem hellen Fleck auf der Tapete stehen. verjährte Hundesteuermarke. Auch ich habe das Tier dann beim Stadtsteueramt nicht angemeldet, obwohl selbst Beamter, seitdem waren wir Verbündete. Für den Leiter des damaligen Wasserwirtschaftsamtes sicher ein Risiko. Noch heute, in diesem abgeschiedenen Raum, Jahre nach meiner Pensionierung, verstehe ich nicht ganz diesen Leichtsinn. Doch nun blickt der Hund drüben nicht nur auf, er zieht den Brustkorb hoch, die Beine nach, er steht. Ihm läuft eine gute Uhr im Magen, es ist sechs, Zeit, daß ich ihm die Blechschüssel unter die Treppe stelle. Ich unterbreche nur ungern diese Beschreibung. In dieser meiner eben bezogenen Dienstwohnung mußten früher einmal mehr Möbel gestanden haben, und ich frage mich, fragte mich damals: Kannte er diese Wohnung mit anderen Möbeln von früher her? Jedenfalls verwehrte er mir von jetzt an den Zutritt zu diesen hellen Tapetenflecken. Er stand vor ihnen auf Posten, auf Abstand, ganz, als wären die alten Möbel noch hinter ihm, ließ wieder die Zähne sehen und würgte heiser – an ununterdrückbarer Wut. Der Hund war lächerlich, wäre leicht zu vertreiben gewesen, dürr und kaum vierzig Zentimeter hoch, aber ich ließ ihn stehen und würgen.

Gefahr ging von ihm aus, ich roch das, in dieser ohnehin gefährlichen Zeit damals, dreiundvierzig, man wird sich erinnern, dazu der Name Levi in Sütterlinschrift und eine längst

Halb acht inzwischen, und wieder liegt der Hund in der mir entfernten Ecke, ich sitze hier. Also lebten wir damals, Levi und ich, den Sommer über bis in den Herbst hinein, nebenein-, anderher, bis zum November, er unangemeldet, ich von ihm nur geduldet, denn betrat ich mit ihm einen Raum, lief er voraus und postierte sich gleich vor den hellen Tapetenflecken, denen dürfte ich nicht nahe kommen, ich tat es nicht Mit hm teilte ich die Rationen der Lebensmittelkarten, doch wenn ich ihn ausführte, besonders die zweimal bei Tageslicht, vor dem Dienst morgens und zwischen den Dienststunden in der Mittagszeit, hatte ich Angst. Der Herbst kam, mit trüben Abenden, durch sie geschützt waren auch längere Spaziergänge möglich. Schwierigkeiten bereitete nur der Luftalarm. Die Sirenen setzten gewöhnlich ein, wenn wir die Schmelzer Straße passierten, schon auf dem Heimweg, gegen halb zehn. Gewöhnlich stiegen wir in den Luftschutzkeller Nummer sechs hinunter, zu vielen Frauen, einigen Kindern. Sie alle mochten den Levi, trotz seiner unordentlich gemischten Rasse. Eine brachte immer einen Kanarienvogel mit im Bauer, vor dem saß Levi gewöhnlich mit spitzem, aufmerksamem Gesicht, nicht etwa lauernd, der gelbe, dösende Vogel schien ihm zu gefallen. Das vor allem rührte die Frauen, die Kinder. Sie wollten ihn zu sich rufen, fragten nach seinem Namen. Max, sagte ich. Ich verleugnete ihn. Ein anderes Mal muß ich ihn Peter genannt haben. Gottogott, sagte die Luftschutzwartin, Sie kennen ihren eigenen Hund nicht. Es sei der zweite, erklärte ich, Peter hätte der erste gehießen. Sie sahen mich an, glaubten oder glaubten mir nicht, Levi vor seinem Vogelkäfig sah nicht einmal zu mir herüber. Gewöhnlich saß er dort drüben, doch wenn es lauter wurde draußen oder oben, wenn die Detonationen näherrückten, kam er zu mir, legte den kleinen Kopf schwarz zwischen meine schwarzen Stiefel. Nie sonst, nur in diesen Momenten schien er mir zu trauen. Sonst benahm er sich eher wie der Hund meiner Wohnung, nicht wie mein Hund. Manchmal stieß ich ihm, während es ringsum detonierte, den Kopf hoch von meinen Stiefelspitzen, nur leicht, dann drückte er sich noch näher, schob die Schnauze jetzt zwischen meine Knöchel. Mir wurde wohler im Lärm, wenn ich so saß über seiner Angst, und eist, wenn wir die entwarnte Straße wieder betraten, brach mir der Schweiß aus im Nacken. Ich, Leiter des Wasserwirtschaftsamtes, mußte laufen, um erst den Hund in die Wohnung zu sperren und dann das Amt aufzusuchen, wo die Schäden der Nacht stockend gemeldet wurden.