Seebohms Vermächtnis – Neue Verordnungen in Bonn

Von Heinz Bergner

Das dienstälteste Mitglied der Regierungen Adenauer und Erhard ist, bildlich gesprochen, in einer Wolke von Gestank Und Staub entschwunden: Bundesverkehrsminister Hans-Christoph Seebohm mußte in den verdienten Ruhestand abfahren. Der Gestank kommt aus den Auspuffrohren von elf Millionen Wagen auf den Straßen der Bundesrepublik, den Staub haben die Verheißungen aufgewirbelt, mit denen sich der Minister verabschiedet hat. Drei Anti-Giftgas-Verordnungen, die noch unter der Ägide Seebohm konzipiert worden sind, soll sein Nachfolger Georg Leber in die Tat umsetzen, und zwar bis zum Sommer 1967.

längst: ist auch in der Bundesrepublik erkannt worden, daß die Luft nicht allein vom Qualm der (durch Stillegung ohnehin schwindenden) Kohlenzechen und der Fabrikschornsteine verunreinigt wird. Die SPD-Parole von 1961 „Blauer Himmel über der Ruhr“, ist durch die Allparteien-Forderung nach „Atemluft für jedermann“ ersetzt worden.

Erst vor kurzem wurden an den Zufahrtsstraßen der Stadt Essen amtliche Schilder mit der Aufschrift „Smog – Verkehrssperre für Kraftfahrzeuge aller Art: 6 – 10 und 16 – 20 Uhr“ angebracht. Essen, im Zentrum des Ruhr- und Brodempotts, dient als abschreckendes und lehrhaftes Beispiel zugleich. Ärzte und Wissenschaftler des Rhein-Ruhr-Gebiets stellten in den letzten Jahren fest, daß Operierte, Schwerkranke und Menschen mit Herz-, Kreislauf- oder Atembeschwerden von Dezember bis März in akute Lebensgefahr geraten konnten – immer wenn der Smog kam.

Der Smog (britische Wortmischung aus smoke gleich Rauch und fog gleich Nebel) drückt auf Essen, wenn – während der Wintermonate – eine Luftschicht über der Stadt das Entweichen der warmen Abgase nach oben stoppt. Die Giftstoffe aus den Kaminen der Fabriken, Heizkraftwerke und Wohnblöcke, besonders auch aus den Automotoren, müssen dann von der Bevölkerung eingeatmet werden. Schon im Winter 1964/65 wurde die Grenze des Erträglichen an über 50 Tagen erreicht.