Von Gerhard Brunner

Lene ist in einem schwierigen Alter: zu jung, um schon als Frau zu gelten, zu alt, um noch ein Kind zu sein.“ Präziser als mit diesem Satz, den John Cranko seiner neuen dramaturgischen und choreographischen Bearbeitung von Tschaikowskij-Iwanows „Der Nußknacker“ in Stuttgart – die Premiere war in der vorigen Woche – voranstellte, läßt sich die Entwicklungsphase kaum bestimmen, die Deutschlands Ballett seit seiner Wiedergeburt nach dem Zweiten Weltkrieg erreicht hat.

Aus E. T. A. Hoffmanns Medizinalratstöchterden Maria, das bereits im originalen Libretto zum Präsidentensproß Klara avancierte, ist bei Cranko der Teenager Lene geworden, der eine französische Chanteuse und eine russische Ballerina mühelos aussticht, um das Herz des strammen Soldaten Konrad zu gewinnen.

Christbaumkerzen und Zinnsoldaten, Schneeflöckchen und Süßigkeiten, kurz: alles, was Kinderherzen höher schlagen macht, sollte bei diesem Wachstumsprozeß auf der Strecke bleiben. Aber John Cranko hat nicht gehalten, was er in seiner Exposition versprach. Er hat lediglich Naives durch Banales ersetzt. Aus einem weihnachtlichen Kindermärchen ist ein Ballett für Erwachsene geworden, und gleich eines, dem man mit ernstem künstlerischen Vorbehalt begegnet.

Einen ganzen Abend lang tastet sich John Cranko, völlig im Stich gelassen von einem recht unbegabten Ausstatter, an der Grenze des guten Geschmacks entlang. Nicht selten tritt er freilich auch hinüber. Der Mäusekönig ist verschwunden, aber die Ratten sind geblieben, angeführt von einer Fee namens Fitzliputz, die im entscheidenden Augenblick eine Rose aus dem Souffleurkasten wachsen läßt, um Konrads Eroberung zu beschleunigen.

Dieser „Nußknacker“ ist kein Aushängeschild für Stuttgarts vielgerühmte Ballettdramaturgie geworden, denn John Cranko hat sich für keine der beiden Perspektiven entscheiden können, die naheliegen: weder für die Radikallösung einer abstrakt-symphonischen Version, in der die Handlung zurückgedrängt ist und nur das tänzerische Detail eine Rolle spielt, wie sie beispielsweise Juri Grigorowitsch in seiner Neufassung für das Bolschoi-Ballett mit großem Erfolg versucht hat, noch für eine konsequente handlungsbetonte Dramaturgie aus der bizarren Phantasie E. T. A. Hoffmanns, Tschaikowskijs „Nußknacker“, die zweifellos schwächste seiner drei großen Ballettpartituren, wartet – zumindest in der westlichen Welt – weiterhin auf ihre definitive choreographische Gestaltung.

Aber selbst bei einem so fragwürdigen Produkt wie dem neuen „Nußknacker“ wird der Niveauunterschied noch deutlich, der das Ballett der Württembergischen Staatsoper Stuttgart vom gesamtdeutschen Durchschnitt abhebt. Im blankgeputzten Pas de huit beispielsweise wird Cranko höchstem choreographischen Anspruch gerecht – nicht weniger hinreißend ist sein zündender Bewegungswitz in den besten Abschnitten des abschließenden Divertissements: eine choreographische Qualität, die gegenwärtig für die deutsche Ballettszene verbindlicher Maßstab ist. Nicht zuletzt der Bravour wegen, mit der Stuttgarts prächtiges Ensemble die tänzerischen Bonbons zu servieren versteht.