Von Gregor von Rezzori

Vier Wochen nach der Nacht vom 4. auf den 5. November sind die Florentiner immer noch damit beschäftigt, ihre Stadt herauszuschaufeln aus dem Schlamm, den die Flut von damals hinterlassen hat. Partienweise sieht diese Stadt jetzt aus wie Lemberg. Ich fürchte, das kann Europa sich nicht mehr leisten. Zu viele von unseren Städten haben in den letzten Jahrzehnten fatale Ähnlichkeit mit galizischen Eisenbahnknotenpunkten angenommen. Und ist es schon schwierig, sich das Abendland ohne Dresden vorzustellen – ohne Florenz ist es unmöglich.

Es gibt da freilich auch abweichende Auffassungen. Ein Herr in Mailand, Maler von internationalem Ruf, Altmeister der Avantgarde und ihr immer um einen kühnen Wurf voraus, ließ sich bei einem Gespräch vernehmen, es sei ein Glück, daß die museale Rumpelkammer Florenz als ausgeschwemmt betrachtet werden könne; endlich werde dort Platz für moderne Kunst (den Mailand, nebenbei, auch noch nicht geschaffen hat). Es läßt sich aber im Fall Florenz nur schwer verzichten aufs Museale. Denn wollte man die Stadt in dieser Absicht planend umgestalten, so wäre sie eben nicht mehr Florenz. Und würde man diese Neugestaltung der natürlichen Entwicklung überlassen, so gliche sie vielleicht nicht mehr wie jetzt partienweise Lemberg, dafür aber sicherlich sehr bald Neumünster.

Diese Gefahr ist akut. Gewiß, die abgefallenen Relieftafeln des Ghiberti an der Tür des Baptisteriums können wieder angenagelt werden. Man kann dem Marmor, der unter einer Kruste von Schlick und Heizöl braun geworden ist, seine Farbe wiedergeben. Man kann – vorausgesetzt, daß man die Mittel dazu hat – Fresken und Skulpturen, Bilder und Bücher restaurieren und alte Möbel wieder zusammenleimen. Aber es ist mehr als fraglich, ob man von ein paar tausend Menschen, die ihr Hab und Gut verloren haben, verlangen kann, daß sie sich nur hochkünstlerisch modernen Hausrat, von Meisterhand entworfene Geschäftseinrichtungen und genialisch gestaltete Hausfassaden anschaffen und nicht, was kurzerhand im Warenhaus, beim Installateur und beim Elektriker zu kriegen ist.

Soweit das aber sichtbar ist, verändert es den Charakter einer alten Stadt. Und sichtbar wird es sein; denn schwer beschädigt und zum Teil zerstört ist in Florenz eben das, was in Augenhöhe liegt: die Geschäfte, die Hauseingänge, die Wohnungen im Parterre. Und eben die Museen, die Bildergalerien, die Kirchen, die Bibliotheken und Archive, die wissenschaftlichen Institute und so weiter. Wenn nun diese nicht hergerichtet werden, wenn – aus Mangel an Mitteln – die Tafeln des Ghiberti nicht wieder angenagelt, der Marmor nicht gereinigt, die Fresken nicht restauriert werden können, dann ist der Flut der Ver-Wer den Florentinern helfen will, kann seine Spenden an diese Adresse richten: Comitato del fondo internationale per Firenze, Palazzo Vecchio, Florenz. häßlichung ebensowenig ein Damm gesetzt wie der des Arno.

Wer also verhindern möchte, daß hier ein Kernstück der abendländischen Kultur sein Gesicht so sehr verändere, daß es – wie es schon in den allermeisten alten Städten der Fall ist – einer archäologischen Führung bedarf, um dahinter das ursprüngliche zu entdecken, der muß sich notwendig zu einer Wiederherstellung des Musealen bekennen und möglichst dazu beisteuern, daß das schnell geschehe: nämlich schnell genug, um der natürlichen Verhäßlichung zuvorzukommen. Wobei es selbstverständlich unbenommen bleibt, auch den Willen zur künstlerisch wertvollen Moderne mit aller Tatkraft zu unterstützen. Nur sollte man ihn nicht als Ausrede benützen, um weder in der einen noch in der anderen Richtung etwas zu tun.

Daß man den Italienern allein die Rettung von Florenz nicht überlassen kann, liegt auf der Hand. Das Land ist zu einem Drittel verwüstet. In der Maremma und im Veneto gehen die Überschwemmungen weiter. Bis heute könnte nicht einmal etwas unternommen werden, um in Florenz die ruinierten Arno-Ufer wenigstens provisorisch so zu sichern, daß nicht eine neue Flut, die täglich droht, noch einmal über die geplagte Stadt hereinbricht und zerstört, was noch zu zerstören ist. Immer noch sind die Abflüsse der Kanalisation verstopft. Regnet es – und es regnet seit anderthalb Monaten ziemlich unablässig –, so sammeln sich Teiche in den Straßen, Schutt, Trümmer, Schlamm und Unrat werden in den Arno geschaufelt, der damit für Jahrzehnte verjaucht. Mit dem ersten Frost wird der aufgeweichte Mörtel in den Mauern Sprünge ziehen. Ob da zum Teil auch ein organisatorisches Versagen vorliegt und von wem, bleibe doch vorderhand dahingestellt. Es ist hier eine der schönsten Städte dieser Erde in Gefahr, zugrunde zu gehen. Das ist nicht mehr allein die Sache einer Regierung oder einer Nation, das geht uns alle an.