Washington, im Dezember

Präsident Johnson ist der einzige Staatsmann, der den im Kreis der Vereinten Nationen zustandegekommenen Vertrag über die friedliche Nutzung der Raumfahrt als „die bedeutendste Entwicklung in der Rüstungskontrolle“ seit dem Abschluß des Testbannabkommens von 1963 feiert. Seinem Lobspruch hat sich niemand angeschlossen, soweit die rüstungsbegrenzende Wirkung des neuen Vertrages betroffen ist. Dazu liegt auch gar kein Grund vor. Die beiden Hauptbeteiligten – Amerika und die Sowjetunion – verzichten mit ihrem Beitritt lediglich auf etwas, was sie aus praktischen Erwägungen ohnehin nicht tun wollen; alle anderen Signatarstaaten verzichten auf etwas, was sie mangels Masse nicht tun können: Stationierung von Kernwaffen und anderen Massenvernichtungswaffen und Anlage von Militärstützpunkten im Weltraum oder auf Himmelskörpern.

So gespenstisch der Alptraum von dem mit Wasserstoffbomben bestückten, rastlos um die Erde kreisenden künstlichen Trabanten auch sein mag – die beiden Supermächte haben derlei Projekte niemals ernstlich erwogen. Tausende von eingebunkerten oder auf U-Booten postierten Fernraketen und die Armadas der schweren und immer schnelleren Atombomber sind für Amerika und Rußland viel zuverlässigere Mittel der Abschreckung als Raumfestungen. Alle anderen Vertragspartner des Vertrages aber haben den technischen Entwicklungsstand noch nicht erreicht, der sie befähigen könnte, armierte Trabanten auf eine Umlaufbahn zu schicken oder eine Maginotlinie um den Kopernikuskrater auf dem Mond zu bauen. Als Instrument der Rüstungskontrolle ist der Vertrag wertlos.

Wohlweislich enthält er auch keinerlei Bestimmungen, die Amerikaner und Russen zwingen würde, ihre vielen militärischen Erkundungssatelliten wieder herunterzuholen. Auch das Projekt der amerikanischen Luftwaffe, ein „bemanntes Raumlaboratorium“ (MOL) zu entwickeln, wird von ihm nicht berührt. Wo der Raum militärisch sinnvoll genutzt werden kann, da werden die USA und die Sowjetunion auch künftig davon nach Kräften Gebrauch machen – und das ganz legal, denn der Vertrag legt ihnen dafür keine Beschränkungen auf.

Dennoch hat das in langen Jahren erarbeitete neue Globalabkommen für die beiden Mächte und die ihm beitretenden Nationen seinen Wert. Es stellt die „Freiheit des Weltraumes“ her und schließt nationale Souveränitätsansprüche oder nationale Besitzergreifung von Himmelskörpern aus. Es läßt die Inspektion verdächtiger Raumflugkörper der einen Nation durch eine andere offen, und er macht die Inspektion von Raumstationen auf Himmelskörpern möglich. Zugleich erweitert der Vertrag die Möglichkeiten zur Kooperation aller Länder im Raum.

Dieses letzte Element und das Zustandekommen des Vertrages trotz der anhaltenden Spannungen wegen des Krieges in Vietnam erklären die Genugtuung der amerikanischen Regierung. Wiederum ist die symbolische „Vehikelfunktion“ des neuen Vertrages fast wichtiger als sein Inhalt. Die Sowjetunion hat sogar eine ihrer anfänglich härtesten und obstruierenden Forderungen fallengelassen – die Einfügung einer Art Meistbegünstigungsklausel in der Raumfahrt, die ihr die Mitbenutzung des auf Abkommen mit über zwanzig Staaten beruhenden Netzes amerikanischer Bodenleitstellen sichern sollte. Der Vertrag gibt anderen Unternehmen mehr Schubkraft; er fördert die Stimmung zum Abschluß des Nonproliferationsabkommens; er erzeugt gutes Klima.

Im weiten, leeren Raum zwischen den Gestirnen läßt sich eine sowjetisch-amerikanische Harmonie freilich viel leichter herbeiführen als auf dem engen Erdball. Zur gleichen Zeit, in der der Weltraumvertrag vereinbart wird, steht die