• „Otto Dix“ (Hamburg, Kunstverein): Am 8. Dezember erhielt Otto Dix den Lichtwark-Preis. Am Tag darauf; eröffnete sein Freund und Biograph Fritz Löffler aus Dresden die Ausstellung im Hamburger Kunstverein. Ursprünglich war eine Ausstellung „Deutsche Malerei der zwanziger Jahre“ konzipiert. Bei der Vorbereitung habe sich, schreiben die Veranstalter Hans Platte (für Hamburg) und Ewald Rathke (für Frankfurt), die zentrale Rolle von Otto Dix in dieser Epoche immer zwingender herausgestellt. Daher eine Dix-Retrospektive, die mit den ersten Bildern von 1910 einsetzt, die zwanziger Jahre breiter dokumentiert, als es bisher unternommen wurde, und 1933 endet.

Wer ihn bisher für einen recht guten, temporär wichtigen Maler des zweiten Ranges hielt, wer ihn zusammen mit George Grosz unter die Engagierten, Gesellschaftskritischen, die sich nach dem Ersten Weltkrieg zu Wort meldeten, einrangierte, wird seine Ansicht korrigieren müssen. Dix ist allerdings auch in dieser sehr sorgsamen und guten Auswahl unterschiedlich. Er verfällt gelegentlich, vor allem wenn er sich expressiv geriert, in eine welche unpräzise Manier. Selbst bei den Bildern des gleichen Jahrgangs und des gleichen Sujets, etwa den Porträts von 1926, gibt es eklatante Unterschiede. Wenn er die Figur hart artikuliert, wenn er ins Detail geht, seine beispiellose zeichnerische Prägnanz einsetzt, dann ist er Dix, dann ist er in seinem Element, dann kann er sich aggressiv, zynisch, humorvoll, kalt, brutal oder ekelhaft oder gesittet aufführen: Die Bilder haben ein Niveau, für das man, wenn man nach Vergleichbarem innerhalb der deutschen Malerei Ausschau hält, auf einer anderen Stilebene Beckmann nennen kann. Grandiose Beispiele dieser ersten Kategorie sind in Hamburg vertreten: die kartenspielenden Kriegskrüppel, die Erinnerungen an die Spiegelsäle von Brüssel, das Mädchen am Sonntag, der Fleischerladen, alle vier Bilder, im Thema und in der Aussage radikal verschieden, aus dem Jahr 1920. Das Doppelbild Muse und Künstler (auch Selbstbildnis mit Modell genannt), das Bildnis der Eltern, Mutter und Kind, Nelly in Blumen, das Selbstbildnis mit Kristallkugel; andere ebenso starke Porträts wie Alfred Flechtheim (hinter dem Kunsthändler hängt ein Juan Gris an der Wand, in dem Dix sein Signum plaziert hat), Sylvia von Harden (das erste Dix-Bild, das ins Musée Art Moderne gekommen ist), Mutter Ey aus Düsseldorf, die wundervolle Familie des Malers (Sonntagsmalers) Adalbert Trillhase. Dresden hat das große Kriegstriptychon nach Hamburg geliehen, aus Stuttgart kommt das andere große Triptychon „Großstadt“ von 1927/28. 100 Aquarelle und Zeichnungen ergänzen die 60 Gemälde, vieles kommt aus Privatbesitz und war noch nicht zu sehen. Die Ausstellung bleibt bis zum 22. Januar 1967 in Hamburg und geht dann weiter nach Frankfurt.

„Heinz Kreutz“ (Frankfurt, Galerie Appel und Fertsch): Man kennt ihn noch als einen gutbeleumdeten Tachisten, er war (mit Götz, Greis und Schultze) an der „Quadriga“ beteiligt, die 1952 den Tachismus in Deutschland initiierte. Heinz Kreutz hat am überlebten Tachismus nicht festgehalten, er hat drei Jahre überhaupt nicht mit der Farbe gearbeitet und eine theoretische Farbenlehre aufgestellt. Jetzt zeigt er seine großformatigen 66er Bilder – „gestaltete Farbengemeinschaften, ausgewählt aus dem Farbkontinuum, mit künstlichen Formen zusammengestellt und eingesetzt in eine Fläche“.

Die künstlichen Formen bestehen aus exakt gezeichneten maschinellen Konstruktionen, Röhrensystemen, Arkadenarchitekturen, die keine inhaltliche oder symbolische Funktion haben, vielmehr ausschließlich als Farbträger dienen. Der Versuch, den Tachismus gleichsam aus eigener Kraft zu überwinden, ohne Figur und Gegenstand zu Hilfe zu nehmen, ist theoretisch interessant, aber in der künstlerischen Praxis nicht überzeugend, die neuen Bilder bezeichnen hoffentlich nur eine Zwischenphase. – Bis Ende Dezember.

Gottfried Sello