Die Große Koalition scheint nun zum Modell für die Länder zu werden. In Hannover hat sie schon vor dem Bonner Sündenfall existiert. In Nordrhein-Westfalen konnte sie mit Mühe verhindert werden, obwohl die SPD-Führung es gewünscht hatte. Nun ist sie auch in Stuttgart Wirklichkeit geworden – ausgerechnet in Baden-Württemberg, im Stammland der Liberalen, wo die FDP ein Dauerabonnement für die Regierungsbank hatte!

Nach der Tragödie die Groteske. Denn in Bonn war die Entwicklung mit fast unentrinnbarer Zwangsläufigkeit auf die Große Koalition zugelaufen; in Stuttgart jedoch hätte die FDP sich den Partner aussuchen können. Beide großen Parteien waren willens, mit ihr zusammen zu regieren. Doch mit beiden hat es sich die FDP verdorben. Reinhold Maier hat seine Partei mit unübertrefflichem taktischem Geschick zwischen die beiden Stühle gesetzt.

Bedenklich an der Stuttgarter Regierungsbildung ist weniger das Ungeschick der FDP; daran hat man sich mittlerweile gewöhnt. Sorgen macht vor allem, daß künftig auch anderswo nach dem Muster der Großen Koalition verfahren wird. Wie hieß es doch zunächst? Die Große Koalition in Bonn sei ein Zweckbündnis auf Zeit und nicht übertragbar. Jetzt muß man fürchten, daß die beiden großen Parteien auch noch in anderen Bundesländern sich mangels besserer Einfälle in die Arme fallen. Auch „miese Ehen“ wirken offenbar ansteckend. R. Z.